Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

Einige Gedanken über Wohnraum.

Auf einer nur mäßig abgewischten schwarzen Tafel mit weißer Kreide filigrane Farne malen. Eine Wandverkleidung aus braunem Leder, in regelmäßigen Abständen angebrachte, ebenso in Leder gebundener Knöpfe ziehen die hinter dem Leder angebrachte Polsterung heran, so dass der Eindruck entsteht, man sieht auf einen Polstersessel. Patina vom Daranlehnen wäre angebracht. Ein Lampenschirm aus Beton, geformt wie die äußeren Blütenblätter einer Pfingstrose kurz vorm explodierend Erblühen. Voll und rund. Das Innere dem Leuchtkörper. Im fein gewaschenen Beton eingelassen befinden sich eine Vielzahl von Glasmurmeln weißer, gelblicher und hellgrüner Färbung, so dass sie das Licht das Leuchtmittels durch den Beton tragen und im Raum verteilen können. Nuancen. Eine wegen mir auch durch Türzargen unterbrochene großflächige Wand mit der Haut von Birken beziehen. Auch Imitate gelten. Wichtig ist das kaum wahrnehmbare, den Birken so typische Muster von feinen schwarzen Strichen auf weißem Farbverlauf. Ein rotkehlchenfarbenes Kleid - ihres? - hängt an einem Haken an dieser Wand, somit davor. Wieso nicht eine Stehlampe aus dem Fußboden wachsen lassen wie eine Decklampe aus der Decke? Auf dem Boden liegend feststellen, dort wo der Esstisch ist. Diesen vielleicht aussägen dafür, abrunden, anpassen, einfügen, so dass die Stehlampe Teil des Tisches werden kann. Ein Lampenschirm aus hellfarbigen halbtransparenten Stoffen, mehrerer.

Laubfeuer.

»Anton Winter wuchs als Sohn eines Geigenbauers auf in einem riesigen Garten zu einer Zeit, als man noch in ein Schicksal hineingeboren werden konnte. Die Gartenkolonie war einst von Fabrikantensöhnen und Naturärzten, von schmallippigen Asketen und ein paar Gelehrten, von Bauern und hochgewachsenen Frauen mit Strohhüten gegründet worden, als der Staat sich auflöste und die Stadt trost- und der Mensch ratlos geworden war, dass er in die Natur gehen musste, um sich zu erneuern. Die Damen saßen zwischen Rhabarber und Erdbeeren, und die Herren lehnten sich aus den Fenstern des Hauses, um den Bäumen das Obst herunterzupflücken. Die Kinder liefen nackt über Grund und Boden, der allen gehörte, und abends aß man mit bloßen Füßen im Gras.«

Valerie Fritsch — Winters Garten

Einige der größeren Äste, die die ersten Stürme herabgeweht haben mussten, waren echt schwer. Wir aber waren viele. Die herrenlosen Bäume der Kleingartenanlage schnitt kaum jemand. Meist wurde Subotnik, Samstagsarbeit angeordnet, obwohl die DDR schon lang vergessen ward. Reisefreiheit, ja Reisefreiheit hatte die Datschen verwaisen lassen und in ein paar der zugänglicheren sind wir in diesem Spätsommer als ehrliche Erntehelfer eingedrungen. Erbsen, Birnen, Brombeeren, Äpfel en masse — wir waren Könige.

Am frühen Nachmittag stand der Berg. Wir ebenfalls, die Hände in den Hüften. Wir wunderten uns, stolz auf uns und dampften. Da wir den Stapel aus Laub und Ästen und Reisig — fein säuberlich, die Laubberge vermengt mit leichteren und schwereren Zweigen nach innen, die stützenden und gewichtgebenden, sturmgeplagten Äste außen — partout nicht höher bekamen, die Erwachsenen in der Laube saßen, sich unterhielten, wahrscheinlich ein Bier tranken oder Glühwein und wir sie da gar nicht raus holen wollten, weil wir frei waren, und weil der Hügel vom Spielplatz hinab so schön matschig war und ich der Älteste, derjenige mit Vorbildcharakter, rutschten wir auf'm Hosenboden den Matschhügel herab, laut lachend, uns immer wieder selbst in Tollkühnheit überbietend.

Wir, das waren:

Andreas, der Zweitälteste, vernünftiger als ich, mit einem kürzeren Bein und einem längeren. Fantast und Geschichtenerzähler. Er erfand den Bär im Loch in der Mauer der Feste Petersburg. Zwei Kinder, zog nach Norden, ich weiß nicht mal mehr wohin. Seinen Erstgeborenen sehe ich manchmal auf Feiern in der Großfamilie.

Steffen, Andreas' kleinerer Bruder, Haudegen und manchmal großmäulig, auch einer der Gründe wieso wir in der Gartenanlage bekannt und gefürchtet waren. Arbeitete an einer Bratwurstbude einer stadtbekannten Fleischerei bevor er zur Bahn ging. Zwei Kinder.

Stefanie, sprach schon immer laut und schnell, fantasievoll, immer vorn mit dabei wenn es ums Entdecken ging, nahm Rahmenhandlungen schnell auf und entwickelte sie mit und weiter, war voll dabei. Zog nach Köln, heiratete, ist Erzieherin in einer Kindertagesstätte, ist ebenso oft auf deutschen Autobahnen anzutreffen wie ich und kinderlieb wie nur was.

Mathias, Stefanies kleinerer Bruder, erfand die Begeisterung mit seiner Geburt. Punk, Tischlerlehre, liebt Mountainbikes, generell Fahrräder, zog mit seiner Freundin nach Weimar, sammelte Kronkorken für einen Bodenbelag in seiner Wohnung.

Josefine, die Jüngste, war immer auch die kleinste und gut aufgehoben bei uns. Wuchs so sehr, dass sie heute fast so groß ist wie ich. Studiert im Norden der Republik, ich weiß nicht wo. Angenehme Gesprächspartnerin bezüglich linker und grüner Gedankengänge.

Felix, Josefines älterer Bruder. Der Ruhepol. Sah zeitweise aus wie ich mir Marx in seinen jüngeren Jahren vorgestellt habe. Zog nach Flensburg, studiert dort, kam aus sich heraus, wurde zum total verrückten Huhn.

Katrin, meine Schwester. Fantastin und Sportskanone, eher ruhiger, aber dennoch immer mit dabei, herrliche Lache. Blieb in Erfurt, Ausbildung, Schichtarbeit, Krankheit, Studium. Liebt Tiere.

Maik, mein jüngerer Onkel, eigentlich kein Bestandteil der Bande am Petersberg, weil Sohn meiner Großmutter väterlicherseits, aber an diesem Tag wie selbstverständlich dabei. Eher gemütlich, aber vollends verspielt. Zog in der Republik herum, arbeitete bei Schlachthäusern Knochenjobs. Kiffte einiges. Meldete sich 2009 versehentlich per SMS zum Neujahr. Seitdem kein Kontakt.

Jochen, ich, bekam noch die Kurve beim Abitur, Soldat, Informatiker, zog nach Frankfurt und wurde Vater.

Das Laubfeuer brannte uns die Nacht aus unseren Augen. Knistern, Lachen, Blödsinn machen. Es roch herb, Laub vom Walnussbaum brannte. Einige der gut im Inneren des Lagerfeuers gestauchten Blätter stiegen auf und verglühten im Nachthimmel. Wir löschten alles im Umkreis des Feuers was nicht brennen sollte und freuten uns auf Weihnachten.

~

Jener Sommer, das ruhigste Meer.

 

Die Tochter hat von Erwachsenenproblemen gekostet obwohl ich es ihr strikt verboten hatte. Ihr strikt verboten hatte Erwachsen zu werden ohne mit Verlieben anzufangen.

 

»Aber ich werde nichts sagen
Denn ich habe nichts zu sagen
Ich glaube an das, was ich liebe
Und ihr wißt es nur zu gut.«

Boris Vian — Der Politische

Vogel Storch, das ist mein Name.

An einem heißen Nachmittag. Weltentwürfe. Mauersegler leben oft monatelang in der Luft. Statt Anker deren Silhouetten auf'm Oberarm tätowieren lassen, wäre wenigstens ehrlich gelogen: Fixpunkt, wir sind flüchtig! Ich mach' die Augen zu und wünsch' mich ins Zentrum der Leidenschaft zurück. Eingecremt von Kopf bis Fuß. Wie die Haut so müssen die Wälder brennen. Jede einzelne Nacht. Mohnblumen und Korn. Die Stelle zwischen den eigenen Schulterblättern die man gerade noch mit den Fingerspitzen erreicht ist feucht und warm von der Nacht. Im Schlaf in Schultern blättern wie Wellen rollen. Tropfen bilden, die, honigsüß und klar, Regentrude lecken. Umfließen lassen, den ganzen Mund voll.

Wir werden lethargisch sein.

neu

(großgeschrieben, unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen)

Stand der Dinge nachtblau, Nachbau. Ein Hinterhof, ein altes Auto, noch lauwarm. Kranichvogel, landest du? Auf der verchromten Stoßstange, zwei aufflatternde Flügelschläge weiter auf den Scheibenwischern stehen bleiben. Kirschen anbieten. Sieh nur, ich habe sie mir rot gewünscht. Es wirkt. Und saftig tropft der Liebe Scham scharmützelnd nieder. Ernst bist du und ich rede Regen.

Aufgewacht gedacht und gelaufen, wie grün alles ist. Wie wir alle Regen brauchen wie Schlaf. Wenn es nur regnete sobald ich die Augen schließe — lange in der Nacht, ein kurzer Gewittermittagsschlaf und zehntausendfach tags beim Zwinkern. Wir könnten alle Sonne sehen, nicht nur die Wolken mit ihren einnehmenden Wesen, wir könnten wachsen, uns vermehren, vergehen, Schatten werfen um die Ecken der Vorstadtstraßen und zerfließen, brennen würden wir. Ehrlich wahr! Wie grün dann alles wäre. Ich kann es förmlich riechen.

Apropos.
Was werden wir, wenn wir mal nicht auf'm Sprung sind?

alte Stille

Du gibst mir die lippenstiftverschmierte Zigarette zurück. Eben erst nachgezogen, im Rest der lichtverschmutzten Großstadtnacht, nackte Wohnung, vornüber gebeugt, durchgedrückter Rücken, liniert, gehobener Hintern. Küsse platzen wie Einschußlöcher.

Lichtschalter.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

soundso

»Ich kann, will und werde mich nicht vom Hier und Jetzt trennen!«, erbost zur Fantasie. Ich rasiere mir den Schädel und schweife ab. Lassen wir das Bild so stehen: Die Zehenspitzen im Fantasee des viel zu kleinen Badezimmers. Ein Schlaks mit ausgestreckten Armen könnte beide Wände gleichzeitig streichen. Toter Raum — ein zu großes Badezimmer ist toter Raum, sagte Oma Gitta immer. »Ich hätte gern Tapete gehabt«, sagst du, doch das geht nicht. Blättert ab. Vier Finger bilden einen Kamm das Mädchenhaar zu bändigen. Der Vater ist woanders.

Die Straße ist alt und schmal. Rausch aus Rücksichtnahme. Leise ist das Blaulicht schnell die Straße runter. Most aus weißen oder braunen Flaschen in einer Holzkiste verpackt und klirrend, aber stumm, wenn sie still stehen — stehen sie aber nicht, es frühlingt — eingekerkert im Keller. Knallsüß bin ich, trink mich mit Wasser verdünnt, lau, in kleinen Schlucken, vom letzten Sommer die Erinnerung. Das schale Licht des Tages nur ein Abbild, die Straßenlaternen brennen dagegen richtig, wie Augenränder. Am Stadtrand, soundsoviele Füchse, können kaum Hühner holen, Messerstechereien mit Brotmessern im Bus, am ehemaligen Schlecker. Der Brathähnchenwagen kommt auch nicht mehr her. Der Rinnstein sitzt, auch wenn es noch/schon wieder/für kurz kalt ist, wie angegossen unterm Hintern. Wer nimmt schon ein Rotweinglas zum Saufen mit auf die Straße? Ich lag lange nicht. Auf einem Traktoranhänger zwischen Zuckerrüben, rollend gefahren werdend, überholte Ansichten, längst an Alleebäume zerschellt gehörter, schmierig geldtriefender, wild hupender, jedenfalls, die interessieren mich nicht. Ich seh mir Kronen an, kröne die Schönste, ab und an auch die Verkrüppelste zwischen türkisfarben, grün, durchschienen, und weiß. Das Freibad, im blaue Lippen machenden Wasser liegen, auf der Wiese liegen, im Handtuch eingewickelt, langsam nicht mehr zittern müssen, einen Steifen bekommen. Auf einem verlassen hinterlassenen Parkplatz eines Einkaufszentrums liegen, nachts, das beruhigend Hellgelb der Laternen, der Dreck, unter Röcke gucken, vorstellen, höflichst, geritten werden. Kippendes Becken ihrerseits. Aufs Flachdach klettern, dort schlafen bis die Sonne zu arg brennt, die letzten Croissants abgreifen, einen Skater einholen im Sprint. Hasenbaue. Dachpfannen im Kreuz, tagsüber die alte Scheune neu mit gebrauchten decken. Ist gelogen, ich bin nicht schwindelfrei. Die Nackenhaare, die zwischen Haupthaar und Hals, sind fein, weich und am schwierigsten zu kürzen.

Für niemand bestimmten.