Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Basiert auf Kirby und

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

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Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Licht im Juni

Windhund zur Nacht: »Die ersten Kirschen werden rot.« Und Freudentränen. Wolken machen. Altbauanbau. Ich erkenne mich nicht wieder. Die Erinnerung an meinen ersten Sommer, irgendein Sommer, die eine zusammengesetzte, über die Jahre ergänzte, sich stets vervollständigende, neu erfindende Erinnerung ist - ein Jahresgedächtnis. Die Vergangenheit ist nie tot. Sie ist nicht einmal vergangen.1

Mein Sommer brennt. Abgeschabtes Kopfsteinpflaster rahmte ein nahezu gleichschenkliges Dreieck lockenden Schattens. Zwei Kastanien, eine Linde, deren Krone ein lindgrünes, sonnendurchflutetes, zugleich zutiefst dunkelgrünes Zeltdach darstellte. Meine Sandalenfüße schmolzen und schmerzten auf den Kopfsteinen, mein Blick ruhte im Inneren des Zeltes aus Grün. Alte Sehnsucht.

Mein Sommer, krebsrot. Mit dem Fahrrad fuhr ich aus der Stadt ins Dorf, zum Freibad. Unbeheiztes Schwimmbecken, eiseskaltes klares Wasser, rotkalt, blaue Lippen meinerseits. Weiblichere Brüste, Becken zum Eindringen und Hintern zum Hintanstellen. Ich onanierte meinen Jungspund in ein ebenso junges Kornfeld - sowieso: jedes Jahr in den reifen Kornfelder ein Kind zeugen.

Mein Sommer stiehlt. Gelten gelber Sommerweizen, weite Ebenen davon, als Haltepunkt? Mein Fixstern, eine alte Landschule inmitten dieser Felder und ich der Mähdrescherfahrer, der, auf seine Mähdrescherfahrerin wartend, die Sonne des Tages mit Arbeit tot schlug und wartete, auf sie oder die untergehende Hitze. Eigentlich soffen wir. Die Nacht in die Kehle. Wie das brannte.

Mein Sommer küsst. Schub. Kritische Stabilität Fußen. Auf etwas gab ich nie acht: mich. Hineingeraten oder geboren. Bordsteinkanten halten stand, drehen den Rest der Welt, Schwalben drehen sie und das Mauerwerk der abgestandenen Stadt deren Stadtteil gleich untergehen wird. Um uns herum existiert schon nichts mehr. Tintengrau drängt. Wir sind allein, für immer, der Regen prasselt nur so auf uns ein. Barfuß, bar jeden Verstandes überleben wir und tanzen platschend, kühl regenhautwarm, diese verdammte Straße wieder lebendig. Wenigstens die.

Mein Sommer blüht. Sonnenblumenfelder und der nicht geglückte Versuch darin verloren gegangen zu sein.

Mein Sommer weht. Die nächtliche Dachwohnung steht der Nacht doch offen. Auf dass sie sich verfange in den Laken die dort hängen, gelenktes Weiß, beruhigendes Wehen. An meine Stirn dein Flatterherz. Leichte Küsse wie Creme auf gegerbter Haut. Einzig ein nackter rosa Schal bekleidet dich. Später auf dem Dach liegen. Ein Lagerfeuer, ein recht großzügiges, möchte man meinen, sind unsere Gespräche. Um uns ist es brennend heiß, wir werfen damit, manches Mal - weiter oben, weit über unseren Köpfen flitzen die Funken nur so durchs Schwarzblau. Kleine Ideen.

Insofern ist Gegenwart eine Geschichte. Eine die sich zu erzählen lohnt, im Präteritum oder Präsens.

aus William Faulkner - Requiem für eine Nonne

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Als ich den zu Tode gebissenen Feldhasen begrub regnete es leicht. Mittelgroße Tropfen mitteleuropäischen Regens drangen in mein heißes Fleisch, das seines war. Unter den Mohnblumen ist eine schöne Stätte, mittendrin, dachte ich mir, hob die Wurzelballen, ohne weitere Verletzungen hervorzurufen, an, packte triefend nasses Erdreich mit beiden, mir gegebenen Händen und hob eine nicht allzu kleine Grube aus. Er sollte ruhig ruhen. Seine Mutter Natur ist die meine. Ich entschuldigte mich nicht für meine Mitmenschen.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

SIGNAL: blau

Nur so eine Wucht: flirren, das Sonnenlicht das gar nicht anders konnte als ein Fiasko anzurichten. Als alles einschlug. Eine offene Dose Fisch, diese Stadt, nur mit Menschen. Selbst freiwillig Schatten werfende Zimmerpflanzen blicken zärtlich. Wer etwas auf sich hält ist Draußen zu finden, küsst, rotkehlige Erregung auf- und übertragen, überzeichnen, Bordsteinkanten einsitzen. Schwalben fangen. Feuer geben. Ich bin, du bist, wir sind dieser Moment. Kannst du das nicht sehen?

Da ist dieser Weg ins Freibad. Die Sonne brennt. Kein Schatten, nur tragende Füße. Die Tochter, das Mädchen das immer vernünftiger wird, an Größe gewinnt und Selbstbewusstsein für sich selbst formt und entwickelt, obwohl ich das nicht möchte, die Vernunft, plaudert uns nur so fort. Leichthin, wir kommen gut voran. Ich lächle unbewusst kurze, aber ernste Antworten auf ihre immer wieder einfließenden Fragen zum Leben wie sie es zu verstehen glaubt. An dieser Straße ist nichts auszusetzen. Der Asphalt ist an einigen Stellen geflickt, einige Autofahrer kennen die Schlaglöcher weiträumig - es ist ein Schlängeln. Ein Motorradfahrer fährt schnurgerade, rasend schnell, beschleunigt noch. Motocrossmaschine. Kein Helm, Tränen, vom Weinen verzogen, verzweifeltes Gesicht ohne Falten. Gas geben, zur Autobahn.

Da ist dieses Paar, diese lauthalse Verschmelzung im Abstellraum, das kopiert, anstandslos ineinander passt, reibt, eindringt, spaltet, was sich zu kopieren lohnt.

Da ist dieser ältliche Amerikaner der mir ungefragt erzählt, er ziehe, nachdem er 28 Jahre in Darmstadt wohnte, mit seiner Familie in einen Wohnpark. Seine Familie heißt er und seine Frau. Die Kinder erwachsen und längst erzogen und ausgezogen hinterließen eine gähnende Leere im gemeinsamen Haus. Ungefragte Worte unterbricht man nicht, so ich nicht ihn. Im Wohnpark wäre ein Kindergarten und ein Altersheim integriert. Dort werde man geboren, wohne und sterbe da. Die Niedlichkeit wie sein Gefasstsein mit amerikanischen Akzent die Werbefloskeln der Broschüre wiederholt macht mich stolz und traurig und neidisch zugleich.

Da ist diese andere Straßenseite. Das Echo ist immer auf der anderen Straßenseite. Bodenlange Gardinen mit großen, groben Mustern wie sie in den Achtzigern modern waren und jetzt wieder sind. An einen dahinterliegenden Vorhang ist nicht zu denken, doch er wird weggezogen mit einer Wucht, die Dringlichkeit vermutet, die gegeben nackte Haut, in weiß verzierte nackte Haut der jungen Frau nicht verbergen kann. Die löchrige Gardine zeigt sie auf der Suche, auf der Jagd nach etwas Schnellem, nach etwas das gezielt die Richtung wechseln kann. Gefangen. An diesen grauen Hasen schmiegt sich ihr kaum verbotener Körper. Unbeobachtet küsst sie den Hasen. Sie sieht auf, lächelt, lässt den Hasen mit einer Pfote mir winken und zieht den Vorhang zu.

Da ist auch Platz. Wollen wir uns setzen?

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Tau stunden.
Stumpfer Rumpf, klitzekleiner Anreiner: das Gesicht mit den fernen Augen. Verkniffen. Wind treibt Wellen Gänsehaut über entblößte Oberarme, Sonne brennt sie ein. Taube Haut aus kalter Luft. Ein Herr, der in einer Wiese aus Grasmeer am Flußufer in Flammen steht, sich gehen lässt, Funken wirft, als gelte es einen Sommer notfalls mit Gewalt zu entzünden, fällt um und bleibt liegen, ruht im Gras, nur nicht sein Augenlicht. Er wird sich erkälten.

Wenn eine Bö ins Wasser fällt, und sei es noch so flach, kräuselnd niederkommt und Kinder bekommt, tausende, ins noch so flache Wasser, Fische gebirt, einen Schwarm schillernder Wellen, Fischlein, in einer Pfütze so groß wie ein Meer, fort und frank und frei treiben sie - die Augen mit ihnen.

Flugzeuge sein. Sie starten. Ein Kranich landet in warmer Nähe.

Dunkelt Grün: unruhiges, rotes Haar, vom Wind entfachtes Feuer, ein ernstes, ein mit Fug melancholisches Gesicht in meinem Schoß, dem Himmel zugewandt. Leuchtfeuer, an der Küste. Und küsste ich dies' Küste nicht, knisternd Flammenhaar im Auge, was wäre ich ein schlechter Seemann.

Durchsichtige Nacht. Kalt und unklar.

Wie die Haut
so müssen die Wälder brennen.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Eine Stunde laufen und du empfängst mich bereit. Du nimmst mich auf so wie ich bin, nimmst gar nicht wahr in deiner bejahenden Geschäftigkeit. Hier ist Leben. Laute Stille, lauter, denke ich. Dich anzusprechen, die Melodie, die tragende, das Brummen der Machinerie - Kampf um Licht, um Wassertrunk, um Verderben - wage ich nicht mit Waffengewalt, mit Fußtritten zu stören. Eine Stunde laufen und ich setze Moos an. Bartwuchs. Zentimeterweise. Ich bin mir nicht zu schade, das Atemlos mit Handrücken abzuwischen, mit Staunen verwechseln: das Rauschen. Du machst mich zum Filou, der ich bin, gefangen verzückt in deinen Tiefen. Eine Stunde laufen und ich bin nicht mehr, mehr als das vergnügt, fast nackt so rein. Schattenwurf als Lichtspiel. Glockenhell lachst du, rennst weg, bist da, fühlst die wache Erde, außer Atem, zum Himmel blickend: mich. Eine Stunde laufen und ich kann mich fassen, du lässt mich, ich kann mich anfassen, du bei mir, auf mir, jetzt neu, dann gierig.

Sieben Sachen machen. Mit Träumen beginnen. Träum ich, bin ich vielfach, eins dessen, unter vielen, Unbestimmtheit lächeln macht, weil es naiv anmuten könnte. Ich weiß es besser, Glück behaftet sind die Einfachen. Womit anfangen? Knielange Kleider. Einfach: los.

Du trittst aus, rotbestrumpft, die weichen Dielen wärmen. Wie du am Auto lehntest in der Regennacht. Das Haus ein schmaler Unterschlupf.

˚

Noch ist Mai.
Alles neu.
Die erste Zeit Sommer.
Die Nächte gewinnen ihre Eigenschaft zurück.
Schlaf verdoppeln,
noch:
Im Park sind Blumen.
Ich dachte, du brauchst sie.
In Fahrt.

Monja.

Ein Sofa wie ein Bolide, wie Sonne hinter geschlossenen Augen, orangerote Lider. Papierne Hunde. Oder Wölfe, Lefzen als Strich, spielen. Rüde Puffärmel. Polkapunkte, weiße, weiß nicht wieviele, auf schwarzem Shirt, Daumenärmelbündchen. Kunst leckt. Rehbraune Augen unterm Pony, Pony über den Augen. Eine mohnrote Buntstiftblüte? Mosaiksteine? Ich schenke dir Augen, groß wie Teller, Aufmerksamkeit, Fugenmasse. Lippen wie Schwalbenflügel und rund. Pflaumenmus, meins. Ultramarinblau ist meine Haut in der Dusche, Streifen Sonnenhaut, klebrig geschnitten Brot. Die Spitze deiner Nase zeigt in meine Augenhöhle, durchsticht sie. Sommerapfelwangen. Offener Atem eines Filmstars. Schwarz/Weiß blinzeln, eine schattige Zimmerwand suchen und fest kleistern: kleben, bleiben. Kein Raum hält dich nachts aus, außer der Weltraum.

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Der aufrechte Gang:

Wir halten den Puls hoch als wäre er eine Trophäe. Wir gewinnen!
Wir verlieren.

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Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?