be sinnlich [eine zeit in 4 adventen]

4.

drei spurenpaare führten ganz klar in richtung stadtbushaltestelle, auf das alte gefährt von klaus wollte man sich in dieser wichtigen sache nicht verlassen und für eine reparatur hatten sie keine zeit. die aufgabe, es musste ein mensch gefunden werden, der noch ernsthaft an weihnachten glaubte, eh eine schwierigkeit für sich.

ruprecht, winzigweich gefroren, tauchte zuerst am einsatzort seines geschehens auf, ein kindergarten in der vorweihnachtlichen adventszeit, so hatten sie alle bei korn+sprite vermutet, müsste eigentlich sprühen vor glaube an weihnacht. glänzeaugen und vorfreude und das für sie so wertvolle gute, hier herrschte es bestimmt vor. «vom draus, vom walde komm’ ich her. ich muß euch sagen es weih…» hieb ruprecht alsbald tief tönend an, wurde jedoch sogleich von einen speckschwartigen kleinen jungen unterbrochen, der gerade mal nicht in der bausteinecke irgendetwas zerstrümmerte – «alter, laber nicht! gibt’s jetzt geschenke, oder was?» – keine frage, hier war ruprecht falsch und geknickten herzen zog er, die rute wegwerfend, von dannen.

klaus, extra ordinär geschminkt – so seine persönliche auffassung von möglichst massenkompatibler maskerade – bewegte sich bewußt ziellos durch die straßen der kleinen stadt, sie alle wollten dem zufall ebenso seine chance geben, wie dem offensichtlichen. das heißt, falls seine widerstandsbrüder, wider erwarten, erfolglos sein sollten. ein wenig tannengrün, bunt blinkende lichter und das gefühl, diese menschen könnten sich nicht umsonst in dieser dunklen jahreszeit außerhalb getroffen haben; vielleicht, wieso auch nicht, ist ein wenig liebe unter ihnen, liessen klaus näher an diesen stand treten. « kennt ihr den geist der hiesigen weihnacht?» formulierte er vorsichtig und nicht allzu tiefgehend die ansprache an die illustre truppe männer und frauen. «geist? ha! gutes stichwort.» antworteten diese, stellten sich mechanisch im kreis auf und tranken gleichzeitig einen glühwein. auf ex. das waren menschen, soviel war klaus sich sicher, nur nicht diejenigen, die sie suchten. weiter ging er, stapfend.

durch wald und feld und darüber hinweg lief vert der dunklen nacht den namen ab, als wolle er bis china und wieder zurück immer nur durch wald, um seen und felder laufen; kleinste dörfer sein ziel. vielleicht, so die mindere hoffnung des widerstandes rund um vert, bewahrte sich hier noch jemand, abseits von konsum und buntigstgemalten, beleuchteter wirklichkeit den glaube an weihnachten und die zeit des neuanfangs. die ersten dörfer waren recht schäbig und zu dieser zeit kaum belebt, sie ähnelten eher trabanten der kleinen stadt und bis auf ein paar hunde traf vert niemanden. und hunde mochte vert nicht. im 14ten dorf fand vert einen kohlstrunken, zumindest dürftig eingewickelt in geschenkpapier, was ihn ziemlich verwunderte; nicht jedoch so sehr wie einen abgefressenen, wild – wie von kinderhand – geschmückten weihnachtsbaum. das könnte eine spur sein und da das nächste dorf vor lauter weihnachtsmärkterei eher zu brennen schien, denn besinnlich zu wirken, trabte er weiter in das kleine stück wald hinein. sachte fiel schnee, bedeckte den kaum bedachten weg zwischen kieseln und alten nadel. das kitzelte immer ein wenig, fand vert. sonst war es eine stille nacht. ein leises singen hielt vert abrupt an. moment, das sind doch kinderstimmen! mitten im wald. darauf zu stapfend konnte er nun auch eine männerstimme ausmachen. sie sangen ein lied für die hungrigen tiere des waldes; und nun sah vert sie auch: 2 dutzend kinder, dick eingepackt gegen die kälte und allen voran ein – so schien es – lehrer, der so tief seine stimme auch klang, lang und dürr war, wie es sonst nur eine windgebeutelte linde sein konnte. er trug einen weihnachtsbaum, geschmückt mit halb verpackten kohlresten, geschleiften mohrrüben und gesammelten, getrockneten kastanien. dieser wurde in den boden gerammt und noch fein zurecht gezupft und das lied für die hungernden tiere schwoll noch einmal richtig an um anschließend zu verebben. «liebe waldtiere;» sagte der lehrer, «nehmt all dies als unser geschenk; wisset, das licht kommt bald wieder und mit ihm die früchte des waldes. ein frohes weihnachtsfest. nehmt unser essen derweil.» vert war fündig geworden.

vert, klaus, ruprecht und die kinder mit dem lehrer bildeten den kern der neuen weihnacht, wie es später hieß, und der glauben, es könne alles gut sein, trieb sie voran in eiskalter nacht und darüber hinaus.

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4 Über See
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