Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

Jetzt is' für immer.

Im Rücken ein Reis, in den Augen, eine Kuppel blaues Licht, auf längere Sicht.

Im Wald auf dem Rücken liegen. Mit deinen eigenen Augen hast du längst aufgesehen.

Jemanden gehen lassen, der gestorben ist, ist ein wenig wie in einen Apfel beißen, der schon eine faulige Stelle hat, aber ansonsten gut im Saft steht und sehr süß schmeckt. Du beißt hinein und merkst sofort den bitteren, faulig beißenden Geruch in der Nase. Doch da ist mehr. Du schluckst das angeekelte Würgen herunter wie du ungeweinte Tränen herunter schluckst, kaust weiter und schmeckst die süße Sonne vergangener Tage. Erinnerungen an längst vergangene Tage voller Zinnbadewannen unterm Wallnussbaum, Decken, die kaum verlassen werden konnten, so erzählte man dir, weil das Gras so unangenehm kitzelte, Hühnerherzen en masse in der Nudelsuppe. Der süße Saft des Apfels läuft dir dein Kinn entlang. Du verlierst dich darin.

Weinen wie Mairegen, im Arm meiner Mutter. Da ist auch Trotz darin. Jetzt ist für immer.

Zora nickte. »Blick nur genau hin. Von hier aus sieht man so weit, bis man nichts mehr sehen kann.«

Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht.

 

Die ganze Vorstadt ist so nass, man möchte sie auswringen und zum Trocknen irgendwo aufhängen. Am besten in der Sonne, aber die scheint ja nicht und mit so einem Stadtteil unterm Arm kann man nicht allzu weit laufen. Auf einem nicht unnötig abgeschlossenen, unbebauten Grundstück, wahrscheinlich verkauft, verwildert, zwischen sich kuschenden Sträuchern finde ich die Boten. Einander zugeneigt flüstern sich platschnasse Osterglocken Gelb ins Ohr.

Laubfeuer.

»Anton Winter wuchs als Sohn eines Geigenbauers auf in einem riesigen Garten zu einer Zeit, als man noch in ein Schicksal hineingeboren werden konnte. Die Gartenkolonie war einst von Fabrikantensöhnen und Naturärzten, von schmallippigen Asketen und ein paar Gelehrten, von Bauern und hochgewachsenen Frauen mit Strohhüten gegründet worden, als der Staat sich auflöste und die Stadt trost- und der Mensch ratlos geworden war, dass er in die Natur gehen musste, um sich zu erneuern. Die Damen saßen zwischen Rhabarber und Erdbeeren, und die Herren lehnten sich aus den Fenstern des Hauses, um den Bäumen das Obst herunterzupflücken. Die Kinder liefen nackt über Grund und Boden, der allen gehörte, und abends aß man mit bloßen Füßen im Gras.«

Valerie Fritsch — Winters Garten

Einige der größeren Äste, die die ersten Stürme herabgeweht haben mussten, waren echt schwer. Wir aber waren viele. Die herrenlosen Bäume der Kleingartenanlage schnitt kaum jemand. Meist wurde Subotnik, Samstagsarbeit angeordnet, obwohl die DDR schon lang vergessen ward. Reisefreiheit, ja Reisefreiheit hatte die Datschen verwaisen lassen und in ein paar der zugänglicheren sind wir in diesem Spätsommer als ehrliche Erntehelfer eingedrungen. Erbsen, Birnen, Brombeeren, Äpfel en masse — wir waren Könige.

Am frühen Nachmittag stand der Berg. Wir ebenfalls, die Hände in den Hüften. Wir wunderten uns, stolz auf uns und dampften. Da wir den Stapel aus Laub und Ästen und Reisig — fein säuberlich, die Laubberge vermengt mit leichteren und schwereren Zweigen nach innen, die stützenden und gewichtgebenden, sturmgeplagten Äste außen — partout nicht höher bekamen, die Erwachsenen in der Laube saßen, sich unterhielten, wahrscheinlich ein Bier tranken oder Glühwein und wir sie da gar nicht raus holen wollten, weil wir frei waren, und weil der Hügel vom Spielplatz hinab so schön matschig war und ich der Älteste, derjenige mit Vorbildcharakter, rutschten wir auf'm Hosenboden den Matschhügel herab, laut lachend, uns immer wieder selbst in Tollkühnheit überbietend.

Wir, das waren:

Andreas, der Zweitälteste, vernünftiger als ich, mit einem kürzeren Bein und einem längeren. Fantast und Geschichtenerzähler. Er erfand den Bär im Loch in der Mauer der Feste Petersburg. Zwei Kinder, zog nach Norden, ich weiß nicht mal mehr wohin. Seinen Erstgeborenen sehe ich manchmal auf Feiern in der Großfamilie.

Steffen, Andreas' kleinerer Bruder, Haudegen und manchmal großmäulig, auch einer der Gründe wieso wir in der Gartenanlage bekannt und gefürchtet waren. Arbeitete an einer Bratwurstbude einer stadtbekannten Fleischerei bevor er zur Bahn ging. Zwei Kinder.

Stefanie, sprach schon immer laut und schnell, fantasievoll, immer vorn mit dabei wenn es ums Entdecken ging, nahm Rahmenhandlungen schnell auf und entwickelte sie mit und weiter, war voll dabei. Zog nach Köln, heiratete, ist Erzieherin in einer Kindertagesstätte, ist ebenso oft auf deutschen Autobahnen anzutreffen wie ich und kinderlieb wie nur was.

Mathias, Stefanies kleinerer Bruder, erfand die Begeisterung mit seiner Geburt. Punk, Tischlerlehre, liebt Mountainbikes, generell Fahrräder, zog mit seiner Freundin nach Weimar, sammelte Kronkorken für einen Bodenbelag in seiner Wohnung.

Josefine, die Jüngste, war immer auch die kleinste und gut aufgehoben bei uns. Wuchs so sehr, dass sie heute fast so groß ist wie ich. Studiert im Norden der Republik, ich weiß nicht wo. Angenehme Gesprächspartnerin bezüglich linker und grüner Gedankengänge.

Felix, Josefines älterer Bruder. Der Ruhepol. Sah zeitweise aus wie ich mir Marx in seinen jüngeren Jahren vorgestellt habe. Zog nach Flensburg, studiert dort, kam aus sich heraus, wurde zum total verrückten Huhn.

Katrin, meine Schwester. Fantastin und Sportskanone, eher ruhiger, aber dennoch immer mit dabei, herrliche Lache. Blieb in Erfurt, Ausbildung, Schichtarbeit, Krankheit, Studium. Liebt Tiere.

Maik, mein jüngerer Onkel, eigentlich kein Bestandteil der Bande am Petersberg, weil Sohn meiner Großmutter väterlicherseits, aber an diesem Tag wie selbstverständlich dabei. Eher gemütlich, aber vollends verspielt. Zog in der Republik herum, arbeitete bei Schlachthäusern Knochenjobs. Kiffte einiges. Meldete sich 2009 versehentlich per SMS zum Neujahr. Seitdem kein Kontakt.

Jochen, ich, bekam noch die Kurve beim Abitur, Soldat, Informatiker, zog nach Frankfurt und wurde Vater.

Das Laubfeuer brannte uns die Nacht aus unseren Augen. Knistern, Lachen, Blödsinn machen. Es roch herb, Laub vom Walnussbaum brannte. Einige der gut im Inneren des Lagerfeuers gestauchten Blätter stiegen auf und verglühten im Nachthimmel. Wir löschten alles im Umkreis des Feuers was nicht brennen sollte und freuten uns auf Weihnachten.

Vogel Storch, das ist mein Name.

An einem heißen Nachmittag. Weltentwürfe. Mauersegler leben oft monatelang in der Luft. Statt Anker deren Silhouetten auf'm Oberarm tätowieren lassen, wäre wenigstens ehrlich gelogen: Fixpunkt, wir sind flüchtig! Ich mach' die Augen zu und wünsch' mich ins Zentrum der Leidenschaft zurück. Eingecremt von Kopf bis Fuß. Wie die Haut so müssen die Wälder brennen. Jede einzelne Nacht. Mohnblumen und Korn. Die Stelle zwischen den eigenen Schulterblättern die man gerade noch mit den Fingerspitzen erreicht ist feucht und warm von der Nacht. Im Schlaf in Schultern blättern wie Wellen rollen. Tropfen bilden, die, honigsüß und klar, Regentrude lecken. Umfließen lassen, den ganzen Mund voll.

Wir werden lethargisch sein.

neu

(großgeschrieben, unterstrichen und mit Ausrufezeichen versehen)

Stand der Dinge nachtblau, Nachbau. Ein Hinterhof, ein altes Auto, noch lauwarm. Kranichvogel, landest du? Auf der verchromten Stoßstange, zwei aufflatternde Flügelschläge weiter auf den Scheibenwischern stehen bleiben. Kirschen anbieten. Sieh nur, ich habe sie mir rot gewünscht. Es wirkt. Und saftig tropft der Liebe Scham scharmützelnd nieder. Ernst bist du und ich rede Regen.

Aufgewacht gedacht und gelaufen, wie grün alles ist. Wie wir alle Regen brauchen wie Schlaf. Wenn es nur regnete sobald ich die Augen schließe — lange in der Nacht, ein kurzer Gewittermittagsschlaf und zehntausendfach tags beim Zwinkern. Wir könnten alle Sonne sehen, nicht nur die Wolken mit ihren einnehmenden Wesen, wir könnten wachsen, uns vermehren, vergehen, Schatten werfen um die Ecken der Vorstadtstraßen und zerfließen, brennen würden wir. Ehrlich wahr! Wie grün dann alles wäre. Ich kann es förmlich riechen.

Apropos.
Was werden wir, wenn wir mal nicht auf'm Sprung sind?

Konzentration der Kräfte.

Ungeplant regt sich Leben. Es ist so leise, fordert komplett ein. Flau und zahm, zerfetzt faszinierend kraftvoll, verletzlich — es ist das Sammeln vor dem Sprung der niemals kommt, ständig ist, weil es kein Springen ist was hier passiert. Ein Strecken, Säfte schießen ein, Häute des Schutzes platzen ab, handgewärmte Knospen, kaum verdickt, geöffnet, schüchtern zum Umstehenden, zart tastend: »Ist es wahr, sind wir schon soweit?« Verharren lose, ziehen sich ein Stück zurück falls dem nicht so ist. Ein Liebesspiel unter Vorsicht, Verdacht, Ahnung, ein zarter Umgang. Genügend Regen? Reicht das Sonnenlicht? Sag', liebst du mich? Gebend nehmen. Hingabe erwecken, Gier. Himmel aus Feuer. Selbst kalten Regen zärtlich küssen, für dich.

Und ich, ich auf weiter Flur? Ich bin nur schnell gelaufen, erklären die Tränen in meinen Augen.

Auftauchen.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

An: für sich (sein)

Ok, alles ist tot. Abgefunden. Wer sucht schon vergrabene Käfer, erstarrte Zwiebeln Fische, gräbt Zwiebeln aus, wollte nur noch ihnen sehen, sicher gehen, deckt sie liebevoll wieder zu, hält Knospen, flaumig oder voll geschmiert mit Harz, Hände hin, zum daran Wärmen? Einige, ich, sie, wir nicken uns kaum merklich zu, wenn wir uns sehen. Alles ist tot, damit wollen wir beginnen.

Bevor ich einschlaf', bleib ich lieber auf. Die Nacht, Geliebte! Am Fenster stehen, auf'm Balkon, unter den Sternen oder Birken stehen. Sture Straßenlaternen, antworten nicht. Straßenszenen, Bordsteine, ein Lokal, aus Fenstern fällt das wenige Licht auf im Gespräch zertretene Zigarettenstummel. Erregt rote Wangen, dabei ist es der Wind. Wir rücken näher zusammen, wenn es dunkel ist, wir Menschen. Dann sitzen wir an Eichentischen, liegen halb in Polstern oder lümmeln unbequem, aber wahr und stellen ein Wort nach dem anderen auf die Beine, für das Gegenüber, mit dem Gegenüber, einig, manchmal auch gegen das Gegenüber. Hauptsächlich mit. Wir sind selber eines.

Spiegeln sich zwei, lass sie — sie tun sich gut! Kühl und dunkel ist's, kaum Früchte zu verteilen. Was soll's? Ich bin gern für mich, und ich bin gern zusammen mit jemanden für uns. Bis es beginnt und der junge Frühling all dies sprengt und über die Felder und Straßenfluchten verteilt. Dann sind wir noch mehr. Wir werden alle sein.

Mild lächeln, wild Knospen halten, die kleben, rosig rostet der Wind in Kälte geborgenes, verborgenes Verborgtes, verlegen Verliehenes — für gewöhnlich hält mit den Winden die Leichtigkeit Einzug, Haut blitzt pastellfarben auf und ebenso ruhelos wird die Erregung.

Man kann mir viel vorwerfen, Stift und Papier, Tinte oder Zeichenkohle, man kann mir Kreide in die Hand drücken oder all dies Werkzeug wegnehmen, ich werde reden! Man kann mir Anzeichenaufzeigen ankreiden — ich will! — oder Hoffnung lindgrün anzählen, Verderben vielleicht, wir werden siegen. Wir werden siegen! Wir werden die Hände aufeinander legen, über überschlagenen Beinen, weil uns kühlt. Macht nichts. Finger werden eingerissen sein und bluten, weil wir vorschnell sind, wir werden stolz sein, wir werden Bettbezüge tragen, draußen, darin lachen, was tun, aus Plänen werden Taten, unüberlegte. Aufplustern — man kann's versuchen.

Ich sitze auf einem Holzstuhl, der zwecklos halb in der Duschkabine steht, er kippt, im Badezimmer. Ich liege. Sonne fällt mir ins Gesicht und in den Rücken. Staub fliegt, aufgewirbelte Zugluft, sonnendurchflutet, ich atme Gold ein.

Unvermittelt anhalten, sage und schreibe fünfzehn Minuten Nichtstun. Atem schlägt in meiner Brust rechts und links an, ob einer von innen hilft?

Keiner schreit so laut wie wir: »la la laa lalaa la la lala!«