Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

 

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Die Aura des Wollens.

Vom Morgentau feuchte Spinnweben an einer Autoantenne. Weiße Lunge. Woraus Körper gebaut sind? Nackte Haut. Höchst, meine Liebe. Nied, in Griesheim steigen frühs nur die Arbeiter ein. Scheiß Europaviertel! Gieriges Geldbürgertum. Am Mantel der bewussten Halluzination sollt ihr sie erkennen. Wir sind was besseres, ha! Ich fahre mit Russinnen. Solche aus dem Märchenbuch, mit adretten Kleid und Schleifchenring am Finger und blutroten Lippen, osteuropäisch geschminkt — verdammt, wahrscheinlich lasen wir die gleichen Märchen, damals — und die Angepassten, doch Unverkennbaren. Die russische Austauschschülerin in der Zehnten, ihr Stolz, ihr Sprachverständnis, ihr Hintern, der bewegliche Rücken. Sie sagte, wir Deutschen sind so rau und falsch, kein Mensch hebt seine Maske nur einen Augenblick und dass ich diese tiefe, beruhigende Traurigkeit der Russen an mir habe. Ich sagte nicht, dass wir absolute Ruhe brauchen um uns vollends zu entfalten, ich gab ihr recht indem ich sie ansah. Naivität war schon immer meine stärkste Waffe, nur das Naivität keine Waffe ist und ich sie nicht bewusst verwende. So golden, vielleicht.

Ich gebe mir Mühe.

Tochter Wildfang.

Es ist kaum noch etwas, wie es war.

Einen Federballlampenschirm als Scheinwerfer (Wirf!), ein Kissen als Turban, verstellte Stimmen, Theater machen, Tanz im speziellen, Arme rudern, Hüften lachen. Sommerstudie, stiller Abend.

Zwischenzeitlich Gedanken machen zum Abendbrot. Der Wildfang liest. Immer öfter erwische ich mich, sie so zu sehen — beim Lesen, konzentriert, ernste, ruhige, rehbraune Augen — wie ich mich sehe, meine junge Jugend, auf diesem einen der wenigen Bilder, beim Lesen im Freibad, jedenfalls einer Wiese. Dieser Blick ist ihrer und meiner und der meiner Mutter. Ihre Mutter hat ihn auch. Augen auf die Ferne der doch so nahen Fantasie gerichtet. Hinter unserer Stirn, auch diese konzentriert, fängt eine Welt an, die niemals jemals aufhört. Stolz.

Wir zeichnen um des Zeichnen willens. Ich zumindest. Ich muss meine Hand, meinen Verstand beruhigen. Meist sind die Worte die wir dann wechseln kurz, bündig und liebevoll leise. Das mag ich sehr an dir, auch weil ich weiß, wie stundenlang und begeistert und über Themen hüpfend du reden kannst. Ohne Punkt und Komma. Listen the Quiet.

Kleine Eitelkeiten hast du dir zwar angewöhnt, doch, es sind liebenswert wenige. Du achtest auf Kleidungsstücke mit Zusammenhang, doch es ist dein Zusammenhang der zählt. Deine Erinnerungen die du damit verknüpfst. Deine Haare sind dir ebenso egal wie geschnittene Nägel. Wenn du dir das noch angewöhnst und ich sie nicht mehr Schneiden muss und dich Triezen dich doch noch zu kämmen bevor du das Haus verlässt, dann weiß ich, es ist wieder ein Schritt geschafft.

Wir gehen gern zu Fuß und es ist dir auch nicht peinlich, ganz im Gegenteil, du suchst meine Hand geradezu, Hand in Hand zu gehen. Meist reden wir ununterbrochen oder sind uns genug. Wer weiß schon wie das Morgen ist oder nachher. Es ist kaum noch etwas, wie es war.

Auf weiter Flur.

Mit meinen Menschverstand kann ich nur erahnen welche Angst ihn treibt. Er zeigt keinerlei Schwäche und weinte doch einst in meinen Armen. Was ist ein Mensch, wenn er keine Gefühle zeigen kann? Wie enttäuscht muss er sein? Ich möchte ihn schlagen, bis er wieder weinen kann. Alles wäre gut.

Sie müssen der Wolf sein.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

handfest.

Ich Recke.
Zimmerecke,
drei Farben Grau.
Von der Straße her,
Reflektionen Scheinwerferlicht,
wandern
über Wand, Stuhl und Tat.
Augenblitze.
Ihre Nase ist maßgebend in ihrem Gesicht —
so sehr, ihre Augen wirken.
All diese Gewalt, die rote Lippen und dieser Blick ausstrahlen.
Papierflieger auf'm Boden.
Eine angebissene Erdbeere,
glänzt noch,
wie ihre Scham.
Aus Atem sind wir.

Maschinist.

Als Kind dachte ich, dass mein Vater eine Maschine ist. Ich war klein. Seine Hände, sein Gesicht waren groß und schwarz vom Ruß der Kohle. Seine Augen leuchteten weiß und grün wie das getupfte Sommerkleid meiner Mutter wenn er mit ihr scherzte. Kraftwerk, ein beeindruckendes Wort. Mutig ging er jeden Tag dahin zurück, mit der Brotbüchse in der Tasche um Wärme und Strom zu machen.

Alle Tage in die Maschine. Heute weiß ich, was das in Konsequenz bedeutet: ein getupftes Sommerkleid leuchtet weiße, grüne Augen und umgekehrt, nicht von allein.

Füchsin

Im Kugelsessel. Kein Hehl aus der Affinität zu Möbeln der 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts machen und kein Deut darauf geben — jetzt gerade ist es eine Sitzgelegenheit. Umgebungsgeräusche gibt es hier nicht, im Raum im Raum. Ich erschrecke ein wenig, weil ich nur mich und die von mir verursachten Geräusche höre, doch das vergeht. Ich bin tatsächlich vollkommen allein. Was auch immer die Tochter macht, sie ist in meiner Nähe, ahmt mich nach, probiert und spiegelt mich. Gegenüber nimmt sie Platz in ihrer Kugel. Wir finden heraus dass wir uns quer durch den Laden unterhalten können, wenn wir die Öffnungen der Kugelsessel aufeinander ausrichten. Sie holt ein Comic aus ihrer Tasche und liest mir vor. Quer durch das vom Wochenende emsig beschäftigten Geschäft liest sie mir vor. Wir sind ganz allein. Ab und an zeigt sie mir die Bilder. Über die Entfernung kann ich nichts erkennen, aber ich höre ihr gern zu. Ich schließe die Augen und bin glücklich. Zweieinhalb Minuten später wackeln wir mit den Hüften vor einem Spiegel und lachen das Schuhgeschäft zusammen.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Maschinerie, Chérie.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

generell:

Größere Dinge auf Film. Gebannt.

Drei Tage weiter. Nebulös berauscht Getränk so offensichtlich nebenbei, dass es ein Augenöffnen darstellt. Unterwegs, Laternen still, stumm Gedankenlosigkeit, lauter feixend aufgedrehter Menschen, In der Bahn, auf den Bordsteinkanten balancierend. Im Kiosk: »Ein Bier, bitte.«

Dialog zwischen zwei Lungen: Atme mich. Jetzt! (beide aus)

Und diese gigantischen grauen Wolken am Himmel
Überlagerung, Kollision, Weben.
Jemandes Händen das Gleiche tun, jemandes Lippen.
Worte mit ihrer faszinierenden Mischung, kommen die Welten zusammen, zu nah, explodieren sie.