Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

Elektrisches Licht, ich weiß jetzt wieder wie es aussieht. Hosenbeine, zum Reinlegen schön, geäderte Arme, meine, Schweiß läuft, Atem geht tief rein/raus. Tanz. Setz dich auf meine Hand. Fingerspitzen an deiner Hosennaht, das Becken kippen, zittern über hunderte Kilometer hinweg.

Bei all dem Getanze, all dem Exzess, zwischen dargebotenen, ausgestellten Körpern, schneller Feierei Tränen der Schönheit vergossen. Festgestellt, im Blitzlicht einer Bühnenshow in den vorderen Reihen, ich werde immer alleine sein. Ein ermutigender Gedanke. Sind Gedanken nicht schneller, umfassender, klarer als Sprachbilder, ungenügende? Wenn dann verstehen andere, auch dir nahe stehende, nur Fragmente deiner Selbst — sind sie denn genügend übersetzt in die Bilder, die ich annehme, dass sie sie verstehen wie ich sie meine. Und: Es ist keine Schande allein zu sein. Wir sind es alle. Wenn wir sachte miteinander sind, können wir uns auf eine gemeinsame Sprache einigen. Mit der Zeit.

Ich bin mal wieder unhaltbar rasend schnell verwoben mit der Umgebung. Meine Arme sind der stille Fluß, der Kopf die nachts arbeitende Bäckerei, die Bäume, der Weg, das Gebäusch, meine Beine. Zöge ich das T-Shirt aus, das bisschen Restlicht reflektierte, die Wasseroberfläche mein Brustkorb, Herzklappenforellen. Im Fluß schwimmt die Nacht. Im Hocken kommt der ungestüme Wille hier die Nacht zu verweilen, Sternschnuppen und die Angst: Ich bin ja unsichtbar. Schlaf findet mich immer, Mädchen im Grünen.

Das bisschen Laken, das ich zum Schlafen brauche, um die Hüfte gewickelt. Nackte Haut ist Kleidung, Kaiser. Unterm offenen Fenster liegen, der warme Wind streichelt mich tagwarm. Auf! Auf auf!

soundso

»Ich kann, will und werde mich nicht vom Hier und Jetzt trennen!«, erbost zur Fantasie. Ich rasiere mir den Schädel und schweife ab. Lassen wir das Bild so stehen: Die Zehenspitzen im Fantasee des viel zu kleinen Badezimmers. Ein Schlaks mit ausgestreckten Armen könnte beide Wände gleichzeitig streichen. Toter Raum — ein zu großes Badezimmer ist toter Raum, sagte Oma Gitta immer. »Ich hätte gern Tapete gehabt«, sagst du, doch das geht nicht. Blättert ab. Vier Finger bilden einen Kamm das Mädchenhaar zu bändigen. Der Vater ist woanders.

Die Straße ist alt und schmal. Rausch aus Rücksichtnahme. Leise ist das Blaulicht schnell die Straße runter. Most aus weißen oder braunen Flaschen in einer Holzkiste verpackt und klirrend, aber stumm, wenn sie still stehen — stehen sie aber nicht, es frühlingt — eingekerkert im Keller. Knallsüß bin ich, trink mich mit Wasser verdünnt, lau, in kleinen Schlucken, vom letzten Sommer die Erinnerung. Das schale Licht des Tages nur ein Abbild, die Straßenlaternen brennen dagegen richtig, wie Augenränder. Am Stadtrand, soundsoviele Füchse, können kaum Hühner holen, Messerstechereien mit Brotmessern im Bus, am ehemaligen Schlecker. Der Brathähnchenwagen kommt auch nicht mehr her. Der Rinnstein sitzt, auch wenn es noch/schon wieder/für kurz kalt ist, wie angegossen unterm Hintern. Wer nimmt schon ein Rotweinglas zum Saufen mit auf die Straße? Ich lag lange nicht. Auf einem Traktoranhänger zwischen Zuckerrüben, rollend gefahren werdend, überholte Ansichten, längst an Alleebäume zerschellt gehörter, schmierig geldtriefender, wild hupender, jedenfalls, die interessieren mich nicht. Ich seh mir Kronen an, kröne die Schönste, ab und an auch die Verkrüppelste zwischen türkisfarben, grün, durchschienen, und weiß. Das Freibad, im blaue Lippen machenden Wasser liegen, auf der Wiese liegen, im Handtuch eingewickelt, langsam nicht mehr zittern müssen, einen Steifen bekommen. Auf einem verlassen hinterlassenen Parkplatz eines Einkaufszentrums liegen, nachts, das beruhigend Hellgelb der Laternen, der Dreck, unter Röcke gucken, vorstellen, höflichst, geritten werden. Kippendes Becken ihrerseits. Aufs Flachdach klettern, dort schlafen bis die Sonne zu arg brennt, die letzten Croissants abgreifen, einen Skater einholen im Sprint. Hasenbaue. Dachpfannen im Kreuz, tagsüber die alte Scheune neu mit gebrauchten decken. Ist gelogen, ich bin nicht schwindelfrei. Die Nackenhaare, die zwischen Haupthaar und Hals, sind fein, weich und am schwierigsten zu kürzen.

Für niemand bestimmten.

Vor s t e l l u n g s kra f t.

Du sagst: »Heirate mich heute Nacht!« Oder war das meine Stimme, die wie ein Stift so spitz angeschossen kam durch den Hauch von Nichts an Geräuschen? Wie dein Hintern mein ganzes Bild bestimmt. Meine Hand. Mehr und mehr braucht es nicht.

Parfum ist mit Haut verbunden wie meine Hände mit ihr: Überall, Überland, und unter der Linde, wenn wir die geklauten Pflaumen mit Zähnen und Zungen und tief Luft holen und Saft trinken, Fruchtfleisch überall, verteilen, auf dass neue Bäume wachsen mögen, durch unsere dem Spätsommer angedachte, geschuldete, entschuldbare Arroganz, durch reifliche Überlegung, still gestandene Gedankenwand, dagegen fahren mit der Wucht eines eisigen Sturmes, den letzten hoffentlich, sicher nicht. Eine jede Haut hat den ihr eigenen Duft nicht leicht zu verschenken, er muss erkämpft werden. Ertastet er, öffnen sich ihre Augen, obwohl geschlossen, von innen, öffnet sich eine Welt, ihre? Er ist nicht ich. Ich gönne es ihnen. Es ist mild in den Straßen und bald Frühling. Und ich, ich werde brennen — wie jedes Jahr.

 

»Ich tanz' die ganze Nacht. Und trotzdem bin ich allein. Ja!«

Gustav

Zwei, oder: eine kritische Masse tanzt.

Variationen Weiß.

Gardinen, Tischläufer und -decken, Halstücher, Handtücher, altmodische Taschentücher, die mit Spitze, Geschirrtücher, hauptsächlich Gardinen aufspannen, Schatten bilden, vielleicht ein Haus, ein Zelt, ohne Dach, aus Stoff, die ganze Stadt einladen, unter die Obstbäume, über den Feldern, da, ur und einst und wunschgemäß Tische mitbringen und leichtes Essen, Gespräche, brennenden Schnaps, Wasser, Brause lachen von Sonnenuntergang bis -aufgang und noch einmal, weil es so schön war. Die Zeit vergessen. Ja, vergessen wie Pflaumen sich anfühlen.

etw. bewahren

er träumte:
Eine nahezu fließende Handbewegung später hat sich das Bild in meinen Verstand eingebrannt. Schwalbenflügel als Oberlippe, deine, fest, flügge. Die untere, die dem Stolz abgewonnene Frucht. Zwischen Schlüsselbeine mit Lippen gelangen, gefangen. Mit der flachen Hand deine Kehle hinauffahren, streicheln. Deinen dir eigenen Kopf in den Nacken legen. Der Daumen liniert, zeichnet deinen Unterkieferknochen nach, die Lippen geschlossen, Kehlkopf erregt rot, drückt, papierweiche Haut, zieht gar, fein, im nachgebend, einfordernden Blickgespann deinen Kussmund öffnen, millimeterweise platzen deine Lippen auseinander. Ein Ja?

Wir hatten von nichts eine Ahnung.

Spätestens kommenden Samstag werden wir uns blutig geschlafen haben. Unsere Schwäche abgelegt werden wir wach und gedankenschwanger sein, gehen, womit, wohin, auch immer. Umtriebig wird mit uns auf den Dachpfannen liegen, auch oder gerade weil die übel dicke Übergangsjacke drückt, die Kapuze das Kissen ist, das man uns nachsagt, das wir gar nicht brauchen, hier am Ende aller Tage.

Unterdessen in der S-Bahn sitzen. Ich möchte nicht mein ganzes Leben lang ernst sein, aber wahrscheinlich habe ich keine andere Wahl, es liegt mir einfach. Streift das Draußen, spiegelt sich vielleicht das fahle Sonnenlicht eines Stadtteil im Fenster. Ich sehe gern aus Fenstern. Es fühlt sich so an als säße ich in einem Bild. Ein Bild, das betrachtet wird oder nicht, hängt und fährt aus. Eine zweite Bahn aus der Gegenrichtung. Das Echo ist immer auf der anderen Seite. Eine Ebene Reflektion mehr. Zwei Fenster weiter sitzt eine brünette Frau, vermutlich über ein Buch gebeugt. Sie lächelt ihr vermutetes Buch an. Mein gerahmtes Bild lächelt ihres an.

Langer Weg, von Zuhause weg, verloren auf einem Acker.

Mit beiden Beinen, knietief im Schoß dieser Frau. Beckenheben. Mit beiden Daumen zeitgleich aufgeblätterte Scham. Nicht meine Lippen setzen an, meiner Kehle dürstet. Roter Nacken.

Sag' mal, spiegelst du?

Sehe ich mich an, sehe ich keineswegs den Mann mit den Vertrauen erweckend großen Händen als der ich mein zukünftiges Ich gern gesehen habe, wenn ich meinen Vater ansah oder seinen Vater, meinen Großvater. Ich habe keine großen Hände. Ich sehe die durchdringend stechenden, doch warmen, ernsten Augen meines Vaters, alles analysierend, in Frage stellend, nichts hinnehmend. Die Augenbrauen wie Katzenschwänze, immer in Bewegung. Die Augen braun, grün und freundlich. Die Lachfalten im Augenwinkel sind von beiden, meiner Mutter und mir. Mein Vater lacht eher in die Wangen hinein. Dort finde ich ihn und seine Grübchen.

Ich sehe meine Haare raspelkurz, nicht einen jungen, russischen Matrosen und seine lebensstrotzende Gesinnung gleich — ich sehe einen Mann, der sich den Stolz nahm, den Dickschädel offen trägt. Ich sehe nicht die tiefe Traurigkeit meiner Vatermutter, meines Muttervaters, die den Freitod suchten und auch fanden, nicht, weil ich sie nie kannte und nicht wissen kann wie traurige Augen aussehen, sondern weil ich mir sicher bin, dies ist nicht mein Weg. Ich besiege Traurigkeit, immer wieder wenn es sein muss. Weil: ich sehe Staunen in meinen Blick und stelle fest, ich sehe mich nicht oft so an. Ich bin im Innern geborgen, meine Äußeres bleibt mir verborgen, Äußerlichkeit ist mir nicht wichtig. Und doch bin ich eitel. Ich sehe mich als körperlich und bin es doch kaum. Mein Raum ist hinter der Stirn. Die Augenbrauen zwei geschwungene Hüften. Weiblichkeit, dort verliere ich mich.

Ich sehe mich als augenblicklich gültig — was ich sage gilt. Ich rede nicht viel, dafür bilden meine Lippen keine allzu große Lücke im Ruhezustand. Ich sehe Lippen, die geteilt, offen gestanden atmend, ein Liebhaber sind, einer der hält. Insgesamt die körperliche Reaktion beim Liebesspiel vielleicht verzögert, dafür wahr, weil sie tief gefühlt und fallengelassen erfolgt.

Mein Kehlkopf sieht aus, als summe ich stets und ständig. Der Nacken, eines Redneck würdig.

Sehe ich mich an, sehe ich die mir gegebene Menschenkenntnis versagen. Ich sehe Grundzufriedenheit und in Frage stellen, selbst den Fakt dass die andere Straßenseite immer die schönere ist. Ich zweifele. Ich sehe frisch, über die Jahre hinweg gegerbte Haut. Ich erkenne klares, kaltes Wasser auf ihr und dass es nicht schlimm ist zu bluten und dass ich weiß, wie pumpend Atem jede Zelle voller Tatendrang anfüllt. Es ist mir nicht gleichgültig, wohin ich gehen werde und wie ich werde, wie ich dann aussehen werde, sowieso sein.

Ich habe kein Ziel mehr. Ich weiß, man soll eines haben. Mir scheint nur, der Wandersmann, dessen Weg sich vor ihn legt, der einfach läuft und staunt und nett und höflich ist, sich sicher ist, sich überraschen lässt, der rauscht und annimmt, auch Dreck und Gier, Verrat und all das Schöne, ist der bestberatenste.

Runde, einfache Luft, stündlich klarere Gedanken anfassen. Die zur Schirmmütze erhobene Hand beschattet, gegen tief stehende Sonnen hast du nichts einzuwenden. Meine Finger rubinrot vom Lesen deiner Lippen.

Ich besitze das große Glück.
Deine Liebe ist ein mannshoher Spiegel, den du trägst.
Ist er dir nicht zu schwer?
Ich bin unbenutzt.
Das Schönste kommt noch: ich könnte damit leben.
Du wieder!