Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

Schreiende Gebäude, das Knirschen der eben noch beschleunigten Reifen der SUVs auf den blanken Schädeln derer, Armer, die sie ermöglichten, derer, die sie fürchten. Noch hält das letzte bisschen Anstand. Die Furcht, sie könnten kommen, nachts, mit Fackeln, Steinen, vermummt, wütend.

Auf der Straße stehen. Atem schlägt den Herzschlag Brustkorb auf und nieder. Er hält und reibt sich die Stirn mit der Hand die den Haustürschlüssel hält. Handrücken, Augenhöhlenringe. Schmetterlinge auf für den Sperrmüll ausrangierten Teppichbodenblüten. Dies sind die Zeiten in denen du keine hast. Hast! Streifenshirt, Tunnelblick. »Jeden Tag sehe ich klarer. Was genau machen wir hier?« Ansichten einer Menschlichkeit. Das Haus gegenüber. Nikotingelbe Gardinen. Wahrscheinlich stirbt wieder jemand, wie neulich in der Bahn die Frau mit ihren Augen.

Sex läuft die Straßen hinab. Schlaf wie ein Gott, iss einen Traum, träum einen Traum! Verweigern gilt nicht!

Der Hochnebel der Stadt ist zu salzig, Lüge gar.

Überbordernd rote Lippen einfangen. Ein Schal weht, wie es Schornsteine gewöhnlich tun, stur geradeaus. Wellen wie Berge. Viele Farben Schwarz. Krähe! Kik-kik-kik-kiker-iih! Der Uhrenspieler, Zeitverdreher. Eine Zimmerdecke aus Porzelanweiß. In ihr eingelassene Zeichnungen, kadettenblaue Blüten, Schemen. Ihnen Handwärme abgeben, zurück gespiegelt bekommen. Falte, forme, falze ich Papier, verkleinere ich mich, sind es ebenfalls Wände. Ich in ihnen. Ich ziehe ein, wie Tinte sich aufsaugen lässt. Ein geschlossener Raum ist kein Sarg. Ein Raum der Behälter, Sarg sein mag, ist keiner. Raum ist Platz. Mit beiden ausgestreckten Armen an nichts heranreichen können. Ich öffne alle Fenster, Balustrade Fenstersims, lege mich in den Durchzug, bin Zugvogel, Zugvögel, ein Schwarm, schnattere, klage nicht. Natürlich ist die Zimmerdecke der Fußboden, vielleicht faltete ich unkonzentriert. Offene Türen einrennen ist nicht, ich muss die Füße hoch heben und leise aufsetzen. Es fehlt mir das Rennen, das Rauschen, der Sprint, der Tunnel der Geschwindigkeit. Wer würde wohl denken, dass das kleinste, ungestüme Kind das ich einst war, behauptete, man müsse nur schnell genug in eine Pfütze hinein und, das sei das wichtigste, auch wieder hinaus springen, um nicht nass zu werden? Ich durfte es nie so oft üben wie ich zum Beispiel Mathematik üben musste. Der Hochnebel der Stadt ist zu salzig, Lüge gar. Möwen hinein phantasieren. Brandung an die Fassaden klatschen, ewiglich wiederholt. Heute behaupte ich, rennte ich nackt nur schnell genug durch die kalt dahinwabernden Stadtteile, ich würde brennen, so heiß wäre mir.

Sag mir, wo ich beginnen soll!

Es weht,
braunes Laub auf's Parkett im Wohnzimmer,
wir sehen uns an.
Es sammelt sich und legt sich nieder.
Laub
das trocknet und eigentlich ganz schön aussieht.
Die Tage kürzer tragen,
unsere Haut brennt noch nach.
Manchmal,
wenn ich die Wohnung lüfte, tanzen wir.
Ich muss dann sehr aufpassen,
dass ich nicht auf eines der Blätter trete,
barfüßig, sonst zerbröselt es.
Aber selbst die gebrochenen Blätterstücke tanzen im Kreis,
wenn man genau hinsieht.
Uns gefällt das.
Ich werde weiter Laub sich sammeln lassen,
Haufen bilden oder Banden,
und über Winter überwintern werden wir.
Urlaub unter Laub.

Märchen von Morgen.

Die Flächen die den Vorstadtstadtteil einrahmen und zusammenhalten liegen brach und etwas schöneres konnte mir der dazugehörige Bauer kaum antun.

Fenster in Wohnungen müssten so weit oben angebracht sein, dass man sich strecken müsste, um aus ihnen hinaus in die Welt zu sehen. Das Erahnen der vom Sonnenlicht gewirkten Blätter eines Baumes, vielleicht ein Ort für ein Haus in den Wipfeln, angeseilt und festgenagelt, eingelegt und unter der einbrechenden Nacht im weißen Laken, das gegen Mücken, einschlafen. Oder, vielleicht will ich auch nur wieder Kind sein.

Verantwortung tragen hat nur bedingt etwas mit Atlas' Weltkugel auf dem Rücken zu tun. Verantwortung ist kein gleichmäßiges Gewicht das drückt und das du tragen musst. Es ist vielmehr ein Spielball. Du kannst ihn werfen, prellen, passen, in der Luft halten, beim Aufkommen zusehen. Du kannst ihn beschützen vor den anderen Kindern, du kannst ihn in der Ecke liegen lassen, unbeobachtet und unbedacht — es ist immer dein Ball. Deine Verantwortung, dein Ball. Du musst ihn holen, wenn ihn jemand wegschießt, egal ob du zuletzt am Ball warst. Das ist der Spaß. Er gehört dir, und wenn jemand den Ball immer wieder wegpfeffert, darfst du denjenigen nicht verprügeln, bis er blutet und verspricht, es nie nie wieder zu tun. Das ist Verantwortung. Verantwortung für Kinder ist so viel schöner.

Wildes Land Vorstadtfelder, überland, allenthalben Klatschmohn, Schafgarbe, versprengte Korn- und Wildblumen. Die Turnschuhe sind so dünn, der nasse Boden dringt in sie ein. Ich turne nicht mehr, ich bleibe stehen, so gut es geht, ich taumele. Der schwere Duft der Blüten durchdringt, erfüllt die Luft. Die Lungen, das Herz, der Anblick, der Geruch. Es könnten Schüsse fallen, eine Maschinengewehrsalve könnte mich niedermähen, ich würde verbluten. Im Grünen, im Mohnrot liegen und lächeln.

Der Unversehrtheit halber: Die halbe Nacht, in einem fort, Gräser gestreichelt um mich selbst zu beruhigen, im Traum — das muss man sich mal vorstellen.

Einfach hören.

Sie fingen an, die Obstkisten auf der Suche nach Vollkommenheit zu durchwühlen.

Den Arm mit Birkenhaut tätowieren lassen. Pfingstrosenbrustkorb. Spätfröste. Das Kleid lüpfend drehen. Diese Gänsehaut kurz vor den Warzenhöfen, ohne sie zu sehen. Ich sehe nicht nach. Das ist das Spiel. Ich ahne.

Unter Strommasten, in der verwinkeltsten Gartenanlage der Stadt, an den Rapsfeldern (Hellgelb messen), die Pferde wiehern und die Kleingärtner reden von Regen.

Wärme, die das T-Shirt durchdringt und nicht die eigene ist. Wahrscheinlich ist es das.

Manieren, ein Sturm, sind mit Schiefer gedeckte Fassaden. Backsteinbauden. Sie folgen einem treuen Muster, das, jederzeit, im Rahmen, neu gelegt und formbar ist. Ein Federkleid bauen, eines dass einfärbt, Farbübergänge so geschickt bildet, erst möglich macht, und aufplustern, mit einem Schütteln sich aufbauschen, ausatmen, wieder sortieren. Ich wüsste nicht einmal, welche Farbe ich wählen würde. Alle Farben, alle Samt.

Reuzenzonnebloem.

Wie ein Scheibenwischer der Nacht, der, weit den Kopf in den Nacken gelegt, weiter reicht als ich sehen kann, wischt der Leuchtturm am Horizont Licht über den mit Sternen gesprengelten Himmel. Wischen, Pause, Pause, Wischen, Pause, Pause. Taktgeber, den Herzschlag ersetzen. Nur Atmen muss man alleine. Wischen, alle Sterne wieder da. Riesensonnenblume lachen.

Blaupause einer Blaumeise.

Es ist nur ein Bild,
suchend nach seinem Nest.
Es weiß nicht von seinem weißen Blatt, vor dem ich stehe.
Es weiß nicht das es mich fürchten lässt.
Warum ist mir so leicht bange?
Bild, warum kannst du mich einschüchtern?
Bin ich nicht mehr Teil deines Lebens dann?
Bin ich nicht mehr Willkommen dann?

Dürers Junger Hase, Querschnitt. Angegriffen, unter Last, ~ Lastern, ich ziehe mein Leben an mir vorbei. Klar bin ich präzise, fristgerecht, handlungsfähig und eine Waffe, jedoch, im Tran und benebelt, schlaftrunken anders. Zwei Wünsche verfestigen, griffig Überland, Übersee, Wald, atmend laufen, gehen, wenn mich der Flitz packt, rennen, Rotzfrech und Streifen die rauschen. Atem als Nutzlast, Zweck, Befreiung, lange, Raum greifende Schritte, Schnitte von Ästen im Gesicht, lachen, laut. Ha!, rufen. Und Raps! Raps- und Tulpenfelder. Blaumeisen, ultramarinblaue, zu hunderten hinein werfen, sie mögen, so der fest Wunsch und die Hand, Nestbau betreiben, eine Hängematte im Hain oder einen Dachstuhl meinen, vom Sonnenlicht der durchdringenden Ziegelritzen durchbrochen, geborgen, im Schein dessen, im Staub tanzen, famos, filigran vielleicht, so leicht es der Körper zulässt. Liegen, mit dir dort. Ein weiße Gardine die dein Kleid sein soll, es ist. Ein Weiß das so blendet, doch nicht übersieht, durchscheinen lässt, was deine Haut mir antut. Eingerieben, aufgestanden. Du tropfst die alten Dielen voll mit mir, uns. Ich sehe die Sonne an. Rotkehlchen, gestillte Erregung ausatmen, Blühen, erblühen.

blickdicht

Du solltest es gesehen haben, am Blick meiner Augen. Du solltest meine Stimme drehen hören als es darum ging.

Die meisten Menschen sehen konzentriert schöner aus als verträumt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich zuletzt rasierte. Wenn ich meine Augen verrenke, kann ich es vielleicht sehen? Nein. Aufblicken vom Nachdenken, ein Vogel sieht dich ernst an. Jemand fragte mal: »Haben Sie sich schonmal grundlegend geändert?« und ich antwortete leichthin: »Nein. Obwohl, ich kann es gar nicht sagen. Das muss ein Außenstehender beurteilen. Soweit ich weiß, noch nicht.« Ich glaube, ich ändere mich gerade.

Sieh nach hinten, wenn du gehst.

Meinen ersten Kuss, meinen ersten richtigen Kuss, empfing ich nicht, ich gab ihn und bekam so vieles. Ich schrieb ihr einen Zettel, ein Gedicht, auf dem ich ihr vorschlug, zur Güte, ihr Gesicht zu küssen, die Stirn, die Wangen, die Nasenkuhle, das Kinn, die Lippen. Es war eine Bitte, ein Werben, ein Hoffen und ein Bangen, Minne mein, sie erhörte mich, trotz Freund. Unter der Brücke sollte es geschehen, an der Trauerweide, hinter ihrem mächtigen Stamm versteckt, fremden Blicken entzogen und im Angesicht des ewigen Wasser. Zittern vor Aufregung und endloses Herantasten. Ich wollte nicht dass es aufhört. Ich weiß heute noch wie ihre Lippen schmecken. Auch als ihr Freund Wind bekam, uns erwischte, mich niederschlug, das Blut floß, meins, ich mich gar nicht verteidigen konnte, er wie aus Zufall in meinen Ellenbogen lief, ich erst recht abbekam, zitterte ich noch und schmeckte sie ganz deutlich. Wir waren elf Jahre alt.

Mauern, Fenster, Gründe.

HOCH HINAUS. Ausgetrieben, vermummt, noch, still, star, jederzeit bereit, sich gegen aufkommenden, bissigen Frost zu wehren, ein Versuch, fest, wenn man sie berührt, liebevoll und mit zarter Handwärme, verpackt in rissiger, angerauter Haut. Ihre Farbe ist noch fahl, fehlfarben, ein schmales Abbild dessen was werden kann und werden wird. Mir fehlt das Sonnenlicht. Ihnen auch.

Lindgrün hinter die Ohren, als Parfüm tupfen.

Glänzt und Fleisch, heißen Atem herunter geschluckt, Tränenwasser in den Bauch geatmet — all das ist Zorn, und Liebe. Dabei waren die Voraussetzungen ausgezeichnet. Die Regen fiel getrieben und bestärkt vom Wind nahezu waagerecht in die Gesichter, unter die Schirme der Umstehenden. Ein einsamer Hügel, Trauer, kahle Bäume, Krähen, alles da. Ich fror. Meine Hände blau und ungestüm zitternd, das linke Bein, sonst so stark im Antritt und fest, flatterte Hosenbeine. Wir warteten. Ich sah den Wolken zu, wie sie verwehten und verregneten. Bis ich an der Reihe war, war das Blüttenblättergefäß längst leer. So viele waren gekommen, Abschied zu nehmen. Ich sagte: »Danke, Stefan!« und träufelte Erde ins Grab. Erde passt, zu mir, der Situation, ihm. Er war so bodenständig. Als meine mittlerweile verwurzelten Füße sich endlich vom Erdreich lösen, möchte ich nur noch heim, weinen, doch es regnet sehr stark. Die Autobahn ist ein Wasserschlauch feinster Tropfen und lässt uns kaum durch. Ich möchte nicht reden, ich möchte weinen, und rede doch. Von Belang, lauter als mir zusteht, leise indes tobt es in mir. Diese Autobahn ist eine zähe Melasse. Zuhause Kuchen, Gesprächsversuche, abgebundene, kaffeetassenwarme Hände. Als alle gegangen sind, ich Luft geholt habe und sitze, ausatme, kommen endlich die Tränen. Ich, der mir ständig die Tränen kommen, gern und stolz, wegen schönen Dingen und Kleinigkeiten, überwinde mich, und verabschiede mich tatsächlich.

Tageslicht bricht auf.

Es steckt eine Müdigkeit in diesen Tagen der Verlängerung, die allen Menschen die ich kenne, die man trifft anheimliegt, sie alle vereinnahmt, die auch mich verschlänge, wenn ich nicht meinen Winterschlaf hielte. Einigeln vereinsamt — es zum aus der Haut fahren. »Als wäre alles, für das man keine Worte findet, gleich undenkbar.«

Unter Vorsatz: Schreiben, sich, auf, weil es mir gut tut und die Zeit einteilt, die Zeitverfluggeschwindigkeit, die Schöne, gute, wenn schon nicht ausbremst, zumindest fühlbar macht, und nachlesbar, falls ich mich frage, fragen sollte: Wo war ich? Es ist mittlerweile Februar. Grün und Silber. Das Meer. Ich gebe mir Mühe, was nicht immer einfach ist.

Im eigenen Brustkorb geborgene.

Im schwarzen Abendkleid,
die Lippen rot geschminkt,
die Brüste kokett und spitz,
die Frisur kunstvoll hochgesteckt,
fertig zur Sünde,
die Nacht ein Traum,
Überschwang Großstadt.
Stattdessen,
so wie sie ist,
in die Badewanne voller Schaum tauchen.
Es ist nichts anderes.