< Sinfonie. Wie ist dir dein Selbstbewusstsein gewachsen, und wie hältst du es im Zaum?
Kurz vor Selbstaufgabe Kunstunterricht: Selbstportrait mit Spiegel. Anhand einiger Beobachtung verstanden die meisten Kursteilnehmer die gestellte Aufgabe sehr wohl als Abbilden ihrer Selbst, wie sie es im Spiegel sahen. Ich mochte mein Spiegelbild nicht und weigerte mich zu zeichnen, was ich sah: hamsterwangig, mit kinnlangen Haar, deren Strähnen ständig vor die Augen fielen und verträumten Blick, drei Barthaare am Kinn. Meine Einsplus war ich los, soviel war sicher. Noch zwanzig Minuten bis zur Abgabe, noch fünfzehn. Noch kein Strich auf dem weißen Blatt Papier, die Bleistifte wohlfein sortiert begann ich eine Nase zu skizzieren, dazu strenge Augen, umsäumt von sauber zu einer Linie gestrichenen Augenbrauen. Klitzekleine Lachfalten glaubte ich zu erkennen, einen Seemannsbart, wie ihn Kapitän Ahab getragen haben musste und militärisch kurzes Haar, das sich um die Geheimratsecken bereits lichtete. Kurzum, ich malte einen Mann in seinen besten Jahren, streng, aber verschmitzt genug das Leben an sich als Aufgabe zu verstehen. Ich malte mich, mein späteres Ich, wie ich heute weiß, weil ich es verlor. Es war seltsam und eine Einsplus.
Nerd (engl. für Langweiler, Sonderling, Streber, Außenseiter, Fachidiot)
Absonderlich inwiefern sich Menschen vor Eigenarten fürchten. Überdenkt man eine Antwort zu lange, wägt sie ab und dreht und wendet sie ins rechte Licht, ist man schon fast soweit als seltsam abgestempelt zu werden. Häufen sich derartige Vorfälle, und weiß der Betroffene in der Unterrichtsstunde oft eine Antwort, weil ihm oder ihr das Folgen leicht fällt, ja tatsächlich, das Wissbegierige überhand gewinnt sobald der Klassenraum geschlossen und die Glocke läutet, strebt man – und wie sie dass sagen, ist es nichts Gutes. Ist einem Kleidung egal, weil sie halt da ist und solange sie im Winter wärmt und Sommers nicht stört, sind Anziehsachen vielleicht auch so zu werten, und redet man nicht viel, weil die Vögel halt zwitschern und das belanglose Miteinander der Mitmenschen einen nervt, weil es nichts Neues, Aufregendes ist – all dies zusammengenommen wird man der Einzelne. Brille tragen ist gar nicht notwendig.
Das sind kleine Scherze. Der Junge, der immer so schnell läuft, beide Hände an den Schultern, am Ranzen oder Rucksack, den Blick stur gerade aus, bloß darauf bedacht und voller tief geschürter Angst, die Kinder könnten Späße mit ihm treiben, auf seine Kosten, sein Leid. Hinfallen. Lachen. Bein stellen. Lachen. Dreck werfen. Lachen. Vorname rufen, damit reimen, vom Weiten. Lachen. Abfangen. Lachen. Nicht vorbei lassen. Lachen. Insgesamt eine seltsamere Behandlung als der Junge es verdient hätte.
Ich kam in eine neue Schule, eine neue, eine zusammengewürfelte Klasse. Über die Sommerferien war ich ein gutes Stück gewachsen und selbst die, die mich kannten, meinten, ich sähe erwachsener, größer aus. Der Seltsame, der Loner, der Stranger. Ich entdeckte die Mädchen, sie mich, und ich konnte plötzlich tanzen. Eine Sache, die ich fast sofort verstand: Körper zur Musik bewegen. Engtanzen konnte ich auch, und die Mädchen mochten den still verschlossenen Jungen. Die Jungen nicht. Wie ein Geheimnis, das ich niemals werden wollte. Der größte der Jungs, dessen Freundin wahrscheinlich niemals die Mauer am Fluss vergessen wird, an der ich ihr ihren ersten Kuss gab – Erst Stirn, dann Wangen, dann Mund. Es war auch mein erster Mädchenmund. Sagte ich ihr nie. – vermöbelt mich, kurz darauf.
Niemand sagt einem, was einem liegt. Es sind vielmehr eine Vielzahl kleinere zarte Schubse und festere Anstöße und Ermutigungen und Herausforderungen und leichtere bis schwerere Aufgaben, bis man merkt, was man kann und dass, wie man es kann, nicht ein Jeder besser kann. Ich schrieb und zeichnete und lief, lief schneller und lernte und übte. Was ich nicht konnte war singen. Aber das Eigentliche ins kalte Wasser springen schmerzt nicht halb so sehr wie die Angst davor, dass das Wasser schmerzen könnte. Das lernte ich und damit die wichtigste aller Lektionen. Ich schwamm im Glücksgefühl der Überwindung.
Selbstbewusstsein lügt und ist eine gefährliche Sache, wie es gefährlich sein kann, ständig immerwährendes flüssiges Glück zu besitzen, steigt es zu Kopf wie ein prall gefüllter Luftballon und zerschellt schließlich Irgendwo im Fernen. Oder es mutiert zu Arroganz, die mich ebenso irrational wütend wie müde macht, zu erklären dass sie scheiße hässlich aussieht, auch am Telefon.
Geht in den Wald, fahrt zur See, mit dem Auto, stellt euch in Staus und lächelt, verliert! Alles! Und wenn ihr trotzdem gewinnt, verliert kein Wort darüber. Blutet, bedankt euch, helft wo ihr könnt, zeigt kleinen Wesen und jenen, die es nicht besser wissen, ihre Stärken, baut sie aus und auf ihnen, ihren Flügeln eure Häuser, Luftschlösser vielleicht, lasst sie einstürzen und lacht darüber. Bitte.