Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

Vielfalt.

Ein Mund voll von Muscheln. Schnittmuster salzig. Das Shirt, die Gänsehaut, angenehme, durchsticht es. Du drehst dich im Kreis. Dir wird schwindelig. Hast du irgendwelche Entschuldigungen? Sitzt auf einem Brustkorb und weigert sich zu atmen. Die Treppe zum, durch das Dachfenster nehmen. Schreibt sich Birkenrinde und Lippenstift und Rauch und rosa Schamlippen auf die Haut. Bleistiftspitzen pieksen. Mondlicht zeichnet gar ungeheuerliches. Mittel- und Ringfinger sanft in die Höhlen geschlossener Augen einer Geliebten legen, zwischen Schlafsandkiste und Brauen in etwa. Der schwarze Mann, die blütenweiße Frau. Laut.

Mitschrift eines Gesprächs, das so nie stattfand, so nie stattfinden hätte dürfen, allein aus der gebotenen Höflichkeit heraus.

(Sie lobt und lobt und lobt das Kind.)

»Kommen wie mal zum Punkt, das Kind hat ja nicht so schlechte Noten, weil sie so prima ist. In diesem Bewertungsbogen über ihr Arbeits- und Sozialverhalten erhielt sie durchweg sehr gut bis gute Ergebnisse. Wie erklären Sie sich dann ihre durchgehenden Abwertungen ihrer schriftlichen Ergebnisse um mindestens eine Notenstufe?«

Sie: »Durch ihre fehlende Mitarbeit. Sie hat sich ja, wie gesagt, bereits verbessert. Im Schnitt meldet sie sich ein, zwei Mal pro Stunde.«

»Das ist doch gut.«

Sie: »Andere Schüler melden sich in dieser Zeit bis zu zwölf Mal. Die Mitarbeit des Kindes kann ich also kaum mit gut bis sehr gut benoten.«

»Also sind sich häufig meldende Mitschüler verantwortlich für die schlechten Noten der Tochter?«

Sie: »Ihre Mitarbeit entspricht aktuell einer Vier bis Fünf, ja.«

»Im Vergleich zu den anderen. Auf dem Bewertungsbogen ist unter Mitarbeit bei einer fünfstufigen Skala bei Mitarbeit zwischen zwei und drei angekreuzt. Ergänzt um den Kommentar: "Tendenz zur Besserung". Meine Frage bleibt bestehen.«

Sie: »Im Sportunterricht verweigert sie oft vollkommen. In Deutsch und Sachunterricht ist ihr Blick starr auf mich, durch mich durch oder auf die Tafel gerichtete. Sie träumt!«

»Stichwort Aktives Zuhören. Haben Sie ihre Aufmerksamkeit schon einmal durch plötzliches Ansprechen getestet?«

Sie: »Sie träumt, dessen bin ich mir sicher.«

»Da bin ich anderer Meinung. Viel schlimmer ist, das Kind hat mittlerweile eine Frustrationsgrenze überschritten, sie hat kapituliert. »Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich bekomme doch eh nur eine Drei«, sagt sie dann.«

Sie: »Da sind wohl sie als Elter gefragt.«

(ist baff)

Sie: »Weiter zum Thema Arbeitsverhalten, ihre Ordnung ist miserabel.«

»Inwiefern? Ihre Hausaufgaben sind pünktlich, vollständig, ihre Materialien in Ordnung, ihre Hefte haben keinen Knick.«

Sie: »Ich spreche von ihrem Schriftbild.«

»Ihr Schriftbild? In Ordnung, halten wir fest, neben dem Wiederholen und Festigen des Unterrichtsstoffs, der täglichen Motivation zum Melden und Mitarbeit, üben für ein verbessertes Schriftbild. Können Sie im Gegenzug vielleicht akzeptieren, dass das Kind einfach nur schüchtern ist? Und diesen Bewertungsbogen vergessen. Das ist kein Feedback.«

Sie: »Wir sind gesetzlich dazu verpflichtet. Was brächte uns Schöngerede? Ansonsten rutscht ihr Kind in den weiterführenden Schulen enorm ab. So wird sie wenigstens realistisch bewertet.«

»Dann wird sich für uns an den weiterführenden Schule ja nichts gravierendes ändern. Ihre schriftlichen Noten sind gut genug. Vielen Dank für das Gespräch.«

Vor s t e l l u n g s kra f t.

Du sagst: »Heirate mich heute Nacht!« Oder war das meine Stimme, die wie ein Stift so spitz angeschossen kam durch den Hauch von Nichts an Geräuschen? Wie dein Hintern mein ganzes Bild bestimmt. Meine Hand. Mehr und mehr braucht es nicht.

Parfum ist mit Haut verbunden wie meine Hände mit ihr: Überall, Überland, und unter der Linde, wenn wir die geklauten Pflaumen mit Zähnen und Zungen und tief Luft holen und Saft trinken, Fruchtfleisch überall, verteilen, auf dass neue Bäume wachsen mögen, durch unsere dem Spätsommer angedachte, geschuldete, entschuldbare Arroganz, durch reifliche Überlegung, still gestandene Gedankenwand, dagegen fahren mit der Wucht eines eisigen Sturmes, den letzten hoffentlich, sicher nicht. Eine jede Haut hat den ihr eigenen Duft nicht leicht zu verschenken, er muss erkämpft werden. Ertastet er, öffnen sich ihre Augen, obwohl geschlossen, von innen, öffnet sich eine Welt, ihre? Er ist nicht ich. Ich gönne es ihnen. Es ist mild in den Straßen und bald Frühling. Und ich, ich werde brennen — wie jedes Jahr.

Auftauchen.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Aus'm Raum.

Ein großer, lauter Tisch. Ein Jahresgedächtnis. Ein Türengeklapper ist das hier, man möchte ihnen bunte Bänder anbieten und anbinden und anständig lang lassen, auf dass sie sich verwickeln, zwischen Gerenne und Fluren und Türen, und mitten im Gespräch aufstehen, ohne das Geplapper zu unterbrechen, auch wenn das Geklapper aufhörte, weil die Kinder sich verwickelten, um bunte Bänder, angebotene, angebundene und anständig lange zu lösen. Eröffnet die Spiele. Geht aus'm Raum. Rauchen in die Nacht hinaus. Konstellationen. Da, bleistiftgrau gezeichnete Wellenköpfe, gekringelt, verspielte, liniert, aufgebeult und aufgebäumte Bögen, einige zu Widerhaken ausgebildet, zum winkenden, nickenden, mitwippenden Wellenkopf. Im Takt der Musik. Man möchte auf'm Nachthimmel genau so gut mit Bleistift malen können wie auf weiße Tapeten. Und Grünen können. Zwischen Daumen und Zeigefinger die Glut abdrehen, fallen lassen und, kaum ein- und ausgeatmet, eintreten, einem Satelliten gleich, eingebunden werden, in bunte Bänder und Gespräche.

An: für sich (sein)

Ok, alles ist tot. Abgefunden. Wer sucht schon vergrabene Käfer, erstarrte Zwiebeln Fische, gräbt Zwiebeln aus, wollte nur noch ihnen sehen, sicher gehen, deckt sie liebevoll wieder zu, hält Knospen, flaumig oder voll geschmiert mit Harz, Hände hin, zum daran Wärmen? Einige, ich, sie, wir nicken uns kaum merklich zu, wenn wir uns sehen. Alles ist tot, damit wollen wir beginnen.

Bevor ich einschlaf', bleib ich lieber auf. Die Nacht, Geliebte! Am Fenster stehen, auf'm Balkon, unter den Sternen oder Birken stehen. Sture Straßenlaternen, antworten nicht. Straßenszenen, Bordsteine, ein Lokal, aus Fenstern fällt das wenige Licht auf im Gespräch zertretene Zigarettenstummel. Erregt rote Wangen, dabei ist es der Wind. Wir rücken näher zusammen, wenn es dunkel ist, wir Menschen. Dann sitzen wir an Eichentischen, liegen halb in Polstern oder lümmeln unbequem, aber wahr und stellen ein Wort nach dem anderen auf die Beine, für das Gegenüber, mit dem Gegenüber, einig, manchmal auch gegen das Gegenüber. Hauptsächlich mit. Wir sind selber eines.

Spiegeln sich zwei, lass sie — sie tun sich gut! Kühl und dunkel ist's, kaum Früchte zu verteilen. Was soll's? Ich bin gern für mich, und ich bin gern zusammen mit jemanden für uns. Bis es beginnt und der junge Frühling all dies sprengt und über die Felder und Straßenfluchten verteilt. Dann sind wir noch mehr. Wir werden alle sein.

O U V E RT U R E

Riecht, fühlt, stammt ab, klingt: Klinge-linge-ling! »Ja, wer ist 'n da?«
»Mischka.«
»Mischka? Welcher Mischka?«
»Mich kannste ruhig auf'n Mund küssen.« Küsst, schlittert auf Asphalt, fasst an, fester noch, weiche Haut. Schlägt Gebüsch mir ins Gesicht, weil ich liege, lache ich. Blute.

Gegen Ende.

Im Morgendunst des Kopfes durch die längste Straßenschlucht der Nochnacht, Wind treibt Weiß, weiß gegen den schwarzblauen Himmel. Weißte, Wolken, ich schwimme! Mein fixierter Fluchtpunkt auch. Immer höher geht der Blick, bis ich nicht mehr meinen Weg sehe und mit den Wolken, ihrem Fluß schwimme. Einher geht niemand. Selbstmörderische Sterne blinzeln.

Abplatzen, Schneise, Treffpunkt.

Vom Küchentisch aus kann ich die Straße und eine Einfahrt zu einem Hinterhof sehen. Schneeregen hat es sich bequem gemacht. Ich halte die ersten Frühlingsboten jedem hin, vorallem mir, als Hintergrundrauschen für im aus dem Fenster blicken verloren gehen. In einer Ecke der Einfahrt, von fast allen Blicken verborgen, tauschen zwei Frauen ihre Oberteile gegen in der Tasche mitgebrachte, gewagtere. Nackte Haut blitzt auf, es wird zurecht gezogen und geprüft und geschönt, der Lippenstift geht rum. Es wird Frühling.

Die Oberschenkelinnenseiten sind ein gutes Indiz dafür wieviel man gelaufen ist. In der warmen Jahreszeit zeigt sich ein Netz feinster Linien, die ihrerseits ein maschenförmiges Gewebe bilden. Krebsrot und gut durchblutet soll es das heiße Blut, heiß gelaufen und wahr, im Windkanal der Geschwindigkeit abkühlen. Die Wärme der Oberschenkelmuskulatur abführen. Atem reichert an, ich laufe. Ob es reicht? Bin ich schon frei? In der kalten Jahreszeit friere ich nur dort und nur dann wenn ich genug gelaufen bin. Dann muss ich schnell heim.

Jede Zuckung, jede Regung, jedes Gefühl dafür entwicklen, wirklich alles sehen wollen.

Zauber (ungesagt)

Schlund Stahltür, Schwaden Parfüm, Tanz füttert Schweiß, von Blitzen zerrissene schwarze Kleidung. Augen geschlossen, offene Münder, Mundhöhlen, Augenhöhlen, repetitive einfache Sprache, kalter Lippenstift, Bass schlägt anschaulich, Membrane kollabieren, ganze Körper stampfen. Nasse Wolle. Fremde Träume. Poeten, ihre inneren Säfte fließen. Teil davon. Atem, ungesagt, Menschmaschine.

Akt (rittlings)

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

[Die Kehle freilegen. Verletzlich machen, Verletzen. Keine Kontrolle, nie menschlicher.]

 

Das Auge der Liebe.