Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

 

Das ist Papier. Am grobkörnigen Strand auf'm Bauch liegen, den Kiefer, das halbe Ohr unterm stützenden Unterarm versteckt, die Nase riecht die Schulterhaut, die Fingerkuppen streichen die Stoppelhaare, aufsehen, aussehen, einsehen, einst ernst, man könnte, einatmend, scharf und endgültig, aufstehen, die klitzekleinen Steine am Bauch klitzekleine Steine sein lassen, Fäuste ballen, das linke Bein heben, das Antrittsbein, Tiefstart so kurz, so augenblicklich, so schnell, so tief einsinken. Das rechte Bein, Millimeter davor eben beatmet, wirft die Bewegung vor, Stolz stampft tief, der keiner ist, das ist Kraft, sinnlos gegeben, reibt, rührt, rammt sich ein, in den Sand. Gräbt der Fußballen sich in den Sand, fängt auf, das Körpergewicht, ein leichtes, tragen, ist die rechte Körperhälfte, vom Schwung geschleudert, schon wieder da, die verlierende Geschwindigkeit erneut zu steigern. Aufsetzen, Abstoßen, Aufsetzen, Abstoßen, rechts, Atmen, links, Atmen. Sanft rauscht klare Luft an den Wangen, die Oberschenkel eines Sprinters kühlen. Die Landschaft in Streifen gerissen, Tunnelblick, Atem. Wasser gibt viel leichter nach als Sand. Es beißt die Füße ab, so kalt ist es. Die Oberschenkel, die heißen: ich werde verbluten. Ein Atemzug. Ein letztes Kraftakt, Kopfsprung. Tod und klar und Blasen kann ich werfen, unter Wasser die Augen öffnen, auch nicht schlauer sein als all die Fische, salzige Augäpfel, auftauchen, prusten, lachen, Herz schlagen und zurück. Atem pumpt, der Brustkorb hebt und senkt sich.

karg

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Stillleben

Erfurt
Ich erinnere die Tapeten, den Dachboden, das große Treppenhaus, die breiten bürgerlichen Treppen, den riesigen Dachboden in der Zittauer Straße, dass das Kraftwerk nebenan steht, den Kohlestaub, das Versteckspielen. Ich treibe mich rum, im Innenhof eine ganze Welt, noch die eine oder andere mehr, wenn man sich traut. Ich habe Angstm als mich die Jungs vom Unterdorf verkloppen wollen, ich klaue Blumen von der Lenin Gedenkstätte und werde eingeschult. Nachts fahren die paarweisen Lichter im Schlafzimmer meiner Oma die Decke der Gaube hinab. Das Federbett ist buddelwarm.

Ich erinnere den Wintergarten, die Tiefkühltruhe in der Wohnung Am Hügel 24, die vielen, klein gefließten Treppen, die ausgerechnet gelb wie der Gelbe Backsteinweg sind. Ich erinnere die Baustellen im Innenhof, die Häuser, allesamt Blocks, wie die alte Mauer, an der wir bolzen, doch stehen bleibt, obwohl wir so fest schießen wie wir nur können. Ich erinnere die Sandkiste, die Herrschaft über die Wasserhähne im Hof, dass wir auf der kleinen Mauer an der Hintertür Hallihallo in der Pupertät spielen. Ich versenke meinen Ranzen in Klein-Venedig und bin doch Kassenwart. Alles Geld dahin, und Vati kommt mit einem Videorekorder nach Hause. Captain Future sehe ich. Ich höre stundenlang Langspielplatten in den Ferien und am Sonntag, damit Mutti und Vati ausschlafen können. Ich bekomme mein eigenes Zimmer und fange heimlich mit dem Rauchen an. Ernte 23. Mein erster Orgasmus ist ohne Erguß und ich bin total verlegen, aber verfangen in der Bandbreite dieser Gefühle. Den Schulmädchenreport finde ich tatsächlich erotisch.

Ich erinnere die Stakkato blinden Nächte in meiner allerersten Wohnung im Rotlichtviertel der Stadt, die Säufer, die Fickenden, fliegende Blumentöpfe, und, als alles still ist, die Tränen. Meist kaufe ich Schnittkäse, Salami, Brot und Zigaretten des nachmittags, abends esse ich, um nachts zu lernen. Ich schreite auf und ab, da auf und ab schreiten, laut aussprechen einprägt, und ab und an liege ich flach auf den Boden gepresst und lese die Lichter der Straße zur Entspannung. Ich erinnere am offenen Fenster sitzen und rauchen. Ich trage einen Schleier aus dünnen Rauch, der von meiner Hand herab und ins Zimmer hängt. Der Nacht Braut, ich. Wenn ich die Hand zum Mund führe, verschütte ich Gedanken, schüttele den Kopf, der nicht mehr klar werden wird heute, ich sehe nichts mehr.

Ich erinnere das aus zwei Wölbungen bestehende Bett in der Wilhelm-Wolf-Straße. Eigentlich eine Couch aus meinen Jugendzimmer, schlafen wir andauernd miteinander. Außer Atem rotgesichtig kochen wir karges, aber ehrlich wärmendes Essen.

Frankfurt
Ich erinnere die riesige Küche im Mädchenwohnheim, die paarweise angeordneten Herdplatten, die winzigen Küchenschrankfächer, für jedes Mädchen, junge Frau eines, in das kaum die Sachen, die man zum Abwasch braucht, passen. Ich helfe dem Hausmeister wo ich kann und er vergisst mich ›jemals hier gesehen zu haben‹. Ich bin wie ein Sohn für ihn. Ich erinnere das Sixties Ambiente der Einrichtung, das alkoholgetränkte Dach, die vielen guten Freundinnen, die Bekannten, die Zusammengewürfelten, die Verlorenen — jeder erzählt Geschichten, wahr oder nicht. Einen echten Prinz lerne ich kennen und einen, wenn nicht, den Freund meines Lebens. Ich oder er raucht mir die Zigarettenpackung leer, weil er erzählt und erzählt und ganz und gar vergisst, wer und wo wir sind, und das die jungen Frauen allesamt Morgen früh Arbeiten gehen müssen, während wir in den Tag hinein leben können.

Zeilsheim
Ich erinnere die karge Tristheit der Mietskaserne in der Bechtenwaldstraße, die Wäscheleinen zwischen den Häusern, zum Rauchen durch den Wäschekeller gehen, auch im Winter, die papierdünnen Wände, das mit dem Besen Gestampfe, wenn wir miteinander schlafen, laut Musik hören, den Dreck unter der Türmatte, die Drachen im Erdgeschoss ärgern wir nicht mit Absicht, wir haben gern Besuch und üben uns im Gastgeber sein. I am a Denim Daemon.

Ich erinnere mich an die Weizenfelder vorm Balkon in der Bielefelder Straße, an die Mähdrescherfahrer/innen, Kopftücher, Schweiß und Schnaps. Der kleine Eßtisch, das Hochbett, von dem das Fruchtwasser getropft sein musste, als es soweit war, darunter ein Bücherregal, die Nächte, das Stolpern, Sommer voller Hitze, zwei Nächte harre ich am Gitterbett aus, weil die Tochter Schmerzen beim Schlucken hat, sich damit den Nuckel abgewöhnt. Ich verliere Freunde. Ich lerne Leute kennen. Ich verliere Freundeskreise. Ich baue eine Küche auf, rasiere mir den Schädel bis auf die Grundfeste tobender Gedanken. Ich erinnere halbgare, halbtrunkene Nächte mit dem Franzosen voller Melancholie auf die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gerichtete Gespräche, die riesige Wiese hinterm Haus, der Kindergeburtstag der Erwachsenen gilt. Ich gewinne neue Freunde, ziehe Kreise, entdecke das Reisen und den Zurückzug.

Ich erinnere die Lichtgestalt der sonnengereiften Dachgaube, die hohen Decken, das ständige Bücken müssen oder sich den Schädel einschlagen, den relaxten Umgang mit uns, das Schneekrokodil im Innenhof, das Liegen auf'm Dach im Hinterhof. Ich verliere meinen besten Freund. Ich töte Mäuse, koche, lese, wachse an Aufgaben, mit ihr, mein kleines Mädchen strebt die hohen Decken hinauf. Ich erinnere den Bettbezug, der, aufgespannt im Flur, im Durchzug, sich aufbläht, Heißluftballon und gleichermaßen Zelt, lichtdurchflutet, generell raumlos ist. Ich blase Seifenblasengewitter, halte nichts von Zielen, sortiere meine CD - Sammlung farblich nach Rücken. Die Glasvitrine, die Gläser darin werden immer mehr. Es fällt fast nichts mehr herunter und zersplittert so wunderschön glitzernd.

Wohin auch immer es mich verschlägt, ggf. für immer, es gilt.

»Ich zieh' nur noch einmal um — die Füße zuerst!«

re: Flußbett

Die letzte Hand zeichnet die Wasseroberfläche.

Wunder was

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?


Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?


Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?


Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?


Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

›Wir beginnen mit dem Stück
Angeschossen.‹

Sobald eine Person den Raum betritt wird das Gespräch anders. Die Blumen Frankreichs, Feueraugen, schwere See, sicherer Glanz, hebt die Stimme leicht, unmerklich weicher gefärbt, steigert Mittelpunkt sein, sucht, sehnt, sieht winzig kurz ehrlich verletzlich aus, findet sich nicht in der Person und zu sich selbst zurück, aber anders, verändert. Eine Spur enttäuschter, stolzer, beherrschter. Derart menschliche Beziehungen, ich wünschte sie könnte(n) sich fallenlassen.

Wir waren zwei. Abgeschlossene Systeme mit ziemlich beschränkten Möglichkeiten sich auszudrücken. Wir vertrauen. Wir verändern uns, wechselseitig. Nicht zu unserem Ungunsten. Umgang so zart, ab und an bleiben wir wie Angeschossen liegen, nur um uns im nächsten Moment zu fragen »Kannst du Aufstehen? Wir müssen weiter!« Sicher, es ist nicht immer einfach, die Umstände den Umstehenden erklären, der Anspruch zu Schönen, das Urversprechen, einfaches Leben, einfachster Art zu führen, zurückgezogen, weltoffen, immerdar ansprechbar, obwohl das unser wundester Punkt, unser offener, stets neu zu schlagender Kampf ist — wir reden miteinander. Stumme Gestik, Mimik, leichte, kaum wahrnehmbare Bewegungen, nackt im dunklen Wohnraum des frühen Herbst oder am Abendbrottisch oder stundenlang, mit stur starr ins Nichts fokusierten Augen die Seele vom Leib oder weil es so schön ist, gerade jetzt, gerade hier, den Augenblick des Staunens, jedweder Gefühle teilen. Wir verändern uns, wechselseitig. Gut.

Flußbett.

Furt. Fließgeschwindigkeit. Für uns behalten.

Halbestadt 50

Verwunschen (bin ich), alte Welt, eine gegenwärtige, gültig grün, stark im Auftritt, doch leise, auch laut, nach Bedarf.

Ich saß an der Elbe, die abendfeurige Sonne überblendete mich wie jeden anderen Stein am Ufer, also legte ich mich dazu. Jemand kam, sah und warf mich — Flitsch - Flitsch - Flitsch - Flitsch - Shhh! — fast bis zur ausgelegten Angel am anderen Ufer. Dort sank und blieb ich, tief unter der Elbe.

Trauerweiden am Dauercamper, Birken, Buchen, bergaufs. Der Jungwald und das Mädchen. Singt. Ich atme. Pilzduft. Ich kann sie kaum noch zweifelsfrei bestimmen. Am späten Nachmittag Szegediner Gulsch auf Böhmischen Knödeln nach zwölfhundert teils nur fußballenbreiten Stufen essen. Brause aus Halblitergläsern. Ein Ausblick nach dem anderen. Wir schreien ins Tal was uns einfällt. Was uns nur einfällt! Euphorie ist handzahm. Der Abstieg gestaltet sich durch die zunehmend sich auf die Felder legende Sonne schwierig. Wir sehen kaum etwas, taumeln, torkeln, glucksen gar. Das letzte Stück zur Elbe wird gerannt. Und wenn wir uns auf die Fresse legen, dann soll es eben so sein.

Die Luft schmeckt süß, klar und hölzern. Diesen Sommer: Ich bin verletzlich.

ha!

Über für immer in Musik verlorene Kinder rauscht durch zerrissenes Violett ein Licht.

Die Fenster des Wintergartens sind abmontiert über die Sommermonate. Die Apfel- und Birnenbäume der näheren Umgebung sind in der Dunkelheit untergegangen. Die Fledermäuse kann ich von der schwarzen Luft durch die sie jagen kaum noch unterscheiden. Augen, hilflos wie sie sind, können das gegenüberliegende Ufer, die Hügelkette nur durch die Sterne über ihr abgrenzen. Glänzend schäbige Disco für die Grillen. Noise. Kopfüber, die Milchstraße fest im Blick, nur für mich: Tanzen.

Im Schatten einer fetten Tanne hockend dem Schauer trotzen, wie die Hühner gackern. Ist das schon alles rufen.

Er erträumte.
Meine Blicke erntet sie, schiebt sich den Rock hoch. Ihre Bräune zu beurteilen bin ich nicht mächtig genug. Verfangen zwischen kieselsteinweißen Kanten. Ihre Pobacken teilen und meine rauen Lippen mit ihren Schamlippen vermengen. Steht, der Sinn.

Der frühe Fährmann in Königstein ist mir zu routiniert als dass ich ihm die tiefe Melancholie, die diesem Beruf zustände, anrechnen kann. Immer zwei Münzen mehr in der Hosentasche haben, für die Augenlider. Nebel steht im, um und, wenn man dem Fluß tief in die Augen sieht, auch auf dem Wasser. Wir legen an, der Fährmann legt auf.

Die letzte der uralten Straßenbahnen aus dem ansonsten stillen Wandergebiet heraus. Ihr schwergelbes Licht fällt auf die wenigen noch sichtbaren Felsen, wilden Wiesen, Bauminseln. Die schweren Beine sind glücklich, aber leise. Den Blick fest in der kühlenden Fensterscheibe gekrallt, hebt direkt neben der Straßenbahn ein Reh seinen äsenden Kopf und sieht mir mit seinen rehbraunen Augen in die meinen. Die Zeit hält an, die Straßenbahn fährt trotzdem weiter. Das Reh kümmert 's nicht, nur ich, ich bin verwundet.

Nur nicht aus Liebe weinen.

Du wirst eventuell vergessen werden.

Unentwegt überschlagen sich Ereignisse. Stimmengewirr. Gewusel. Beine. Körper. Ich weiche Menschen aus, die um einiges kleiner, aber vehementer sind. Verunsicherung. Ein Chor Mädchen hebt an in meinem Kopf unter Kopfhörern. Staunen. Stehen. Ich muss nicht immer rennen.

In einem vor Dreck nur so starrenden Innenhof riecht es an der einen, kaum einsehbaren Stelle nach Frau und Erregung. Ein Parfüm wie in der Nacht vergessen und stehen gelassen. Im Stehen nehmen und bleiben, irgendwie.

 

»Ich tanz' die ganze Nacht. Und trotzdem bin ich allein. Ja!«

Gustav