Achtgeben,
das neue Highfiven.
Ein Freund1

1 — to:nulleins

Wir hatten von nichts eine Ahnung.

Spätestens kommenden Samstag werden wir uns blutig geschlafen haben. Unsere Schwäche abgelegt werden wir wach und gedankenschwanger sein, gehen, womit, wohin, auch immer. Umtriebig wird mit uns auf den Dachpfannen liegen, auch oder gerade weil die übel dicke Übergangsjacke drückt, die Kapuze das Kissen ist, das man uns nachsagt, das wir gar nicht brauchen, hier am Ende aller Tage.

Unterdessen in der S-Bahn sitzen. Ich möchte nicht mein ganzes Leben lang ernst sein, aber wahrscheinlich habe ich keine andere Wahl, es liegt mir einfach. Streift das Draußen, spiegelt sich vielleicht das fahle Sonnenlicht eines Stadtteil im Fenster. Ich sehe gern aus Fenstern. Es fühlt sich so an als säße ich in einem Bild. Ein Bild, das betrachtet wird oder nicht, hängt und fährt aus. Eine zweite Bahn aus der Gegenrichtung. Das Echo ist immer auf der anderen Seite. Eine Ebene Reflektion mehr. Zwei Fenster weiter sitzt eine brünette Frau, vermutlich über ein Buch gebeugt. Sie lächelt ihr vermutetes Buch an. Mein gerahmtes Bild lächelt ihres an.

Langer Weg, von Zuhause weg, verloren auf einem Acker.

Mit beiden Beinen, knietief im Schoß dieser Frau. Beckenheben. Mit beiden Daumen zeitgleich aufgeblätterte Scham. Nicht meine Lippen setzen an, meiner Kehle dürstet. Roter Nacken.

Gegenstand Gesicht

Auf astreinen Backsteinen liegen.
Fingernägel, einen an den Federn brennenden Pfeil zwischen den Schulterblättern.
Jugendhaare,
überwachsen werden.
Moos, Hähne.
Hör doch!
Hörst du?

Maschinist.

Als Kind dachte ich, dass mein Vater eine Maschine ist. Ich war klein. Seine Hände, sein Gesicht waren groß und schwarz vom Ruß der Kohle. Seine Augen leuchteten weiß und grün wie das getupfte Sommerkleid meiner Mutter wenn er mit ihr scherzte. Kraftwerk, ein beeindruckendes Wort. Mutig ging er jeden Tag dahin zurück, mit der Brotbüchse in der Tasche um Wärme und Strom zu machen.

Alle Tage in die Maschine. Heute weiß ich, was das in Konsequenz bedeutet: ein getupftes Sommerkleid leuchtet weiße, grüne Augen und umgekehrt, nicht von allein.

kleinlaut

­ Picture taken by Ken Crawford

führende Leerzeichen

Unzählig Millionen Blüten, so allgegenwärtig, sie könnten nerven, wäre mir nicht jedwede Darreichungsform, sei es vom Wind zerfetzt, im Rinnstein als Fluß, im leeren Einmachglas im sonnenzersplitternden, klaren, kalten Wasser, an der Jacke, im Knopfloch, an Felder oder Straßenecken Banden bildend, zertreten auf dem Gehweg, unter Turnschuh'n oder am Baum, Strauch, Busch oder an diesen winzigkleinen Pflanzen die kein Mensch für möglich hält, weil sie so pünktlich sind, so lieb, so beachtenswert, so wunderschön anzusehen, ich könnte sie hassen ob ihrer schieren Masse. Ich mag Einzelheiten, verleibe mir Details schneller ein als ich sie zerdenken kann. Ich werde platzen.

Maisein (frei übersetzt)
Brüllend heiß ist hier, banal auch. Öffne Fensterflügel, Arme weit, auf der Balustrade stehend. «Ängstige mich nicht, kurzer Moment!» Luftholen. Sprung. Das Zauberwort. Langhals Weißstorch. Verstelle leicht die Flügelspitzen, drehe Kreise, schraube, wende, Spiralen höher. Muss ich schlagen, schlägt das Herz zurück. Geschwindigkeit nehmen, aus Dächern werden Städte, aus Parks Felder. Gefällt mir eine Wolkenfarbe, steh ich auf der Stelle, in der Luft und schlage um mich. Unter Wasser schwimmen lernt ein Storch nie kennen. Hast Du je probiert? Es fühlt sich genauso an. Weniger Widerstand. GEDANKENVERLOREN: Mu|ta|bor flüstern. Später Flosse Walfisch, rotwangig. Fast ein wenig schüchtern. Würden Wale, was zählt, küssen? Fliegen Wale? Manchmal. Aufwachen aus Farben.

Ich sah dich sitzen, oben auf der Kante. Ein kleiner Hase, verbissen in deinen Lippen.

Dass wir nicht gemeinsam auf'm Balkon an der Balustrade stehen können, wenn die Sonne scheu scheint, weil ich dich ansehen muss, wie du die Augen leise schliesst und genießt, du mich, ich dich auch. Orangefarbene Lider, ehemals weiße Gardinen dämpfen den Außenraum. Damit Weich wie du wirst, damit ich dich verstehe, sehe ich dir nach. Für Nichts auf der Welt! Das ist mein Umsonst, ich will es behalten.

»Kannst du aufstehen? Wir müssen weiter!« sage ich, im Stehen die Hände auf den Knien, um schwer atmend nah bei dir zu sein.
»Oui.«
Ich mag es, wenn Du im Trotz französisch sprichst. Blut tropft von deiner Lippe. Du schmierst es auf meine Wunden. Kleine, große Geste Zärtlichkeit.
»Natürlich.«

 

Ausnahmslos jede Abenddämmerung mit »Das dunkle Königreich wird nicht mehr aufzuhalten sein.« begrüßen.

Füchsin

Im Kugelsessel. Kein Hehl aus der Affinität zu Möbeln der 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts machen und kein Deut darauf geben — jetzt gerade ist es eine Sitzgelegenheit. Umgebungsgeräusche gibt es hier nicht, im Raum im Raum. Ich erschrecke ein wenig, weil ich nur mich und die von mir verursachten Geräusche höre, doch das vergeht. Ich bin tatsächlich vollkommen allein. Was auch immer die Tochter macht, sie ist in meiner Nähe, ahmt mich nach, probiert und spiegelt mich. Gegenüber nimmt sie Platz in ihrer Kugel. Wir finden heraus dass wir uns quer durch den Laden unterhalten können, wenn wir die Öffnungen der Kugelsessel aufeinander ausrichten. Sie holt ein Comic aus ihrer Tasche und liest mir vor. Quer durch das vom Wochenende emsig beschäftigten Geschäft liest sie mir vor. Wir sind ganz allein. Ab und an zeigt sie mir die Bilder. Über die Entfernung kann ich nichts erkennen, aber ich höre ihr gern zu. Ich schließe die Augen und bin glücklich. Zweieinhalb Minuten später wackeln wir mit den Hüften vor einem Spiegel und lachen das Schuhgeschäft zusammen.

Wieviel Werkzeug braucht der Mensch?

anderthalb

Säße meine Gans hinter mir, gezeichnet vom schwarzen Kleid der Nacht, und wäre sie eine Krähe, sie schnatterte immerfort, säße ich, die Knie zur Brust genommen, kaum gleiche, arbeitssame Füße nahezu nah bei mir, umarmte ich mich, wäre ich nackt und demontiert, doch zufrieden mit der kleinen Traurigkeit die immer da ist, die gut und ein Ausgleich ist zum sonstigen Glück, und stabilisierte ich mit Absicht diesen Zustand der Stille, hielt sie, die Stille, und an mir fest, die Arme um die Beinbäume geschlungen, den Kopf abgelegt, ernstes Kussmundknie, schnattert die schwarze Glücksgans in einem fort. Ich lächele.

Ich möchte einen Zopf flechten am helllichten Tag. Anderthalb. Nach dieser Küssenacht.

An: Ziehungskraft

Ich kann Sorge tragen, dass mir Stacheln aus einigen Poren wachsen. Sie sind stichhaltig beweiskräftig, eine Waffe der Blendung und verbergen die feinen, die weichen Züge, jenes hallendes Gefühl, das ich den Menschen entgegen bringe, nur, aber sie helfen ungemein.

In einem Treppenhaus halten. Die führende Hand am Geländer, abwärts flitzen. Fliehkraftkurven nicht umschiffen, anstreben, Kopf in den Nacken, genüsslich offen, juchzende Augen.

Erkläre alles. Reise Reise. Ankommen ist mir nicht, ich bin, irgendwie. Neinaberja, ich bin gern allein, und jeder, der mich liebt(e) ist gern mit mir allein, weil ich die Stille des Raumes stehenlassen kann, steht sie zu mir, offenbart kaum geschwungene Linien, aufgeblitzte, aufgeschlitzte Wahrnehmung, offen Sicht. Weil ich die Schnauze halten kann und verstehen, stehe ich an einer Wand, die Sonne drückt ab und schießt mir in den Kopf. Geschlossene Lider. Orange wird zerfetzt. Kleine Flecken, türkisfarbene.

Augen ziehen mich aus.
Ich zieh mich aus für Augen.
Ergibt sich.
Sich ergeben.

Dort schlafe ich. Das Eis der Nacht weicht einem immerwährenden Frühling für einen Vormittag auf dem Dach. Ich trage ein Hemd, das das verletzte, ja beleidigte bedeckt, weil es nicht ausgeführt werden wird - noch nicht - weil es schlafen muss, mit mir, hier am Anfang. Auf die Geburt der Mutter Natur wartet - ein Augenreiben - einer ihrer Söhne.

Da ist ein Loch in allem.

Fast schon vermessen, zu vergessen, wie es ist, nur im T-Shirt zu sein, ein Dasein Genuß gewidmet. Nachmittags, die Büsche werden wie in Büchern im Vorbeigehen grün. Einfach nur gesessen - es ist mir egal, ob ich gesehen werde. Ich bin nicht durchsichtig, ob ich es mir erlüge oder nicht. Nicht zur Debatte steht, wie sich ihre Lippen allein im Ruhezustand darstellen. Man mag es Ernst nennen, ich nenne es beim Namen: natürlich Wert ausstrahlen. Solch ein Wert, ein Vermögen, man fühlt sich klein und arm und ist wieder der Junge der alles anstaunt. Mundmillionen trägt sie.

»Warum sehe ich Sonnen funkeln in deinen Augen?«

Er glaubte er träume.
Richtig oder nicht? Wir liegen falsch. Dann dieser Moment, es herrscht Einigkeit, alle Tage verfliegen, es muss Stummheit geschlagen werden, Nichtstun gepfeffert gesüßt, ein Jeder sucht sich seine Ecke des Raumes und sich. Die Fenster weit geöffnet. Weil mit der warmen Luft gleichsam dem Summen der Geschäftigkeit geöffnet werden muss, tun wir es. Lachen, Braten, Harken, jemand schlägt Klaviertasten, ein Fagott brandet auf. Weit und gemeinsam wird das vom Hinterhof, seinen Insassen getragen. Ich hänge am Dach, Fensterputz, verschmitzt lachen, applaudieren über Zäune hinweg. Weitere Stunden stunden, gegen Geld versetzen wir gut und gerne all das?

Aus Vorsicht gut bestrumpft ins zersplitterte Licht der alten Schule Mondlicht getreten. Gelegen, gelogen (Ich könne noch.), gedreht. Um ein Loch in Alles zu machen, um es zu aufzufädeln und aufzuhängen, zum Trocken, zum Abhängen, Konservieren und Betrachten, für später, braucht es kein Werkzeug, keine Spur breit, keine Idee.